Georg Hübner, der Fotograf der Riga-Deportation

Polizeiliches Führungszeugnis zur Einstellung in der Stadtverwaltung, 1934.
Polizeiliches Führungszeugnis zur Einstellung in der Stadtverwaltung, 1934. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D796: Georg Hübner.
Anzeige zur Führung als „gottgläubig“ für die Personalakte bei der Stadt Bielefeld, 1938.
Anzeige zur Führung als „gottgläubig“ für die Personalakte bei der Stadt Bielefeld, 1938. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D796: Georg Hübner.
Auskunft der NSDAP über die Zuverlässigkeit von Georg Hübner, 1937.
Auskunft der NSDAP über die Zuverlässigkeit von Georg Hübner, 1937. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D796: Georg Hübner.
13. Dezember 1941
Am Bahnhof 1A, 33602 Bielefeld

Die nachfolgende Spur betrifft nicht eine der deportieren Personen, sondern Georg Hübner, den Fotografen, der der Nachwelt die Fotos der Riga-Deportation hinterlassen hat.

Jugendjahre und Prägung

Geboren wurde Georg Hübner am 7. August 1895 als viertes Kind des Ehepaars Albert und Margarethe Hübner. Er besuchte das Realgymnasium in Bielefeld bis zur Obertertia (9. Klasse). Von 1911 bis 1912 arbeitete er nach eigenen Angaben bei einem Versicherungsbüro. Es folgte eine Tätigkeit als freier Graphiker, bis er ab 1916 im Ersten Weltkrieg als Soldat kämpfte. Vermutlich gehörte er zu den Soldaten, die nach dem Krieg nicht in die zivile Gesellschaft zurückfanden. In seinem Lebenslauf gibt er an, dass er als Angehöriger der Eisernen Division unter Horst v. Petersdorff (1892-1962, später SA-Führer mit Unterbrechungen) an Gefechten um Mitau, Aahof, Tetelmünde, Riga und Wolmar beteiligt war. Bis August 1920 folgten Monate bei der Brigade Erhardt, als der sogenannte Kapp-Lüttwitz-Putsch scheiterte. Ebenfalls kämpfte er nach seinen Angaben in Oberschlesien mit dem Freikorps Oberland. Er war im Besitz zahlreicher Orden und bekleidete den Rang eines II. Unteroffiziers der Reserve. Bis 1923 war Georg Hübner bei der Arbeitsgemeinschaft Klockner in Oberbayern beschäftigt, einer Art Auffanggesellschaft für Angehörige der Brigade Ehrhardt. Dort trat er der NSDAP-Organisation Reitersturm Fürst Wrede bei, was aber später bezweifelt wird. Nach dem Scheitern des Hitler-Putschs 1923 in München kehrte er nach Bielefeld zurück.

Jahre in Bielefeld

Im Winter 1923 besuchte Hübner für kurze Zeit die Kunstgewerbeschule in Bielefeld. Allerdings konnte er aufgrund eines Augenleidens, das sich im Laufe der Jahre verschlimmerte, den Besuch nicht fortsetzen. Auch die Tätigkeit als Graphiker war nicht mehr möglich. Im Dezember 1924 fand er eine Anstellung bei den Lepperwerken als Betriebswächter.

NS-Karriere?

1933, kurz nach der “Machtergreifung” der NSDAP, verlor er seine Anstellung als Betriebswächter. Bereits am 1. Dezember 1932 war er erneut in die NSDAP eingetreten. Der Umstand, als „Alter Kämpfer“ angesehen zu werden, half Hübner, im Februar 1934 eine Aushilfstätigkeit im Bielefelder Rathaus zu bekommen. 1937 trat er aus der evangelischen Landeskirche aus, er bezeichnete sich von nun an als „gottgläubig“. Durch eine Verfügung des Reichsinnenministers Wilhelm Frick vom November 1936 erlangte diese Bezeichnung einen offiziellen Status. „Gottgläubig“ nannten sich die neuen, braunen Dissidenten der NS-Zeit. 1939 erreichte Hübner die Stellung eines Polizeibüroassistenten und wurde 1943 zum Beamten auf Lebenszeit ernannt. Aus seiner Personalakte geht hervor, dass man Zweifel an seiner Zugehörigkeit zum Reitersturm Fürst Wrede hegte, da keine Beweise der Mitgliedschaft aufzufinden waren.

Monika Minninger äußerte die Vermutung, dass der Grund für das Erstellen der Fotoserie Hübners in einer nicht ganz geklärten Familienabstammung liegt. Der Vater Hübners war unehelich geboren worden, als sein leiblicher Vater galt ein Berliner Arzt mit Namen Kikut, der zu Spekulationen über eine Nicht-rein-arische Abstammung, verleitete. Das könnte ein Grund für den fehlenden Aufstieg in der NS-Hierarchie gewesen sein. Hübner habe mit den Fotos der Riga-Deportation sein rassisches Denken demonstrieren wollen. Er hat, wenn auch nicht absichtlich, den nachfolgenden Generationen eine unschätzbare Möglichkeit gegeben, sich die damaligen Ereignisse vorstellen zu können.

Nachkriegszeit

Mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 verlor Hübner seine Anstellung. 1953 erhielt er erneut eine Beschäftigung bei der Stadt Bielefeld bei der Lohnstelle der Besatzungsmacht, wie es in der Akte zu lesen ist. Eine offizielles Entnazifizierungsverfahren ist nicht erfolgt, was 1953 zwar bemängelt wird, aber ohne Folgen blieb. 1968 verstarb Georg Hübner in Bielefeld.

Spur aufgenommen und Recherche
Diana Molt B.A.

Literatur

  • Gailus, Manfred, Gläubige Zeiten: Religiosität im Dritten Reich, Freiburg im Breisgau 2021.
  • Krüger, Gabriele, Die Brigade Ehrhardt, Hamburg 1971.
  • Minninger, Monika, Bilder einer Abschiebung 1941 Eine Fotoserie zur Bielefelder Judendeportation, in: Westfälische Forschungen 58 (2008), S. 441-460.
  • Schulze, Hagen, Freikorps und Republik 1918-1920, Boppard 1969.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 796: Georg Hübner.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 21. September 2022

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