So wendete sich Charlotte Daltrop am 12. Mai 1942 an ihre Kinder in England, bevor sie mit ihrem Mann Albert am nächsten Tag nach Theresienstadt deportiert wurde. Die Großmutter Selma lebte nicht mehr, sie wurde ein Jahr zuvor nach Theresienstadt deportiert und wahrscheinlich am 23. September 1942 in Treblinka oder Auschwitz ermordet.
Charlotte Rudolph wurde am 11. Mai 1900 in Deutsch-Krone in Westpreußen geboren. 1916 bis 1917 besuchte sie die Handelsakademie in Hamburg und machte dort einen Diplomabschluss. 1920 heiratete sie Albert Daltop, einen Rechtsanwalt und Notar aus Bielefeld und brachte ein paar Jahre darauf zwei Kinder zur Welt: Hans Georg (später John) und Marianne.
Am 9. November 1938 wurde Albert Daltrop im Kontext der Reichspogromnacht verhaftet, seine Stellung als Kriegsveteran verhinderte seine Deportation ins KZ Buchenwald. Marianne Daltrop erinnert sich:
„Für den Rest der Zeit haben wir ans Auswandern gedacht. Eine Woche hieß es nach Uruguay. Da haben wir Spanisch gelernt. Die nächste Woche war es Trinidad, und wir haben Tropenkleidung gekauft etc. etc. Drei Monate später kamen John und ich mit einem Kindertransport nach England.“ (Decker 2007, S. 119)
Über Briefe hielt die Familie Kontakt, denn die Eltern blieben in Bielefeld. Ab Oktober 1941 fing Charlotte als Hilfsarbeiterin in der Fahrzeugfabrik Karl Goebel an, wurde jedoch von der Gestapo willkürlich und unentgeltlich zur Arbeit herangezogen: So musste sie den jüdischen Familien bei Packen vor den Deportationen helfen und die Transporte abfertigen, wahrscheinlich auch während des „Altentransports“ vom 31. Juli 1942, bei dem auch ihre Mutter Selma Raphael verschleppt wurde. Ab 1. März 1943 wurde Charlotte jegliche berufliche Tätigkeit verboten und einen Monat später sollte sie mit ihrem Mann nach Auschwitz deportiert werden. Durch den Leiter des Judenreferats Wilhelm Pützer wurde dies verhindert. Man vermutet, dass er Albert und dessen Auszeichnungen aus dem ersten Weltkrieg kannte und deshalb intervenierte – die genauen Beweggründe sind jedoch unklar.
Am 5. Mai 1943 erhielten die Daltops den Bescheid, dass ihre „Evakuierung“ nach Theresienstadt am 13. Mai bevorsteht. Ein Tag zuvor mussten sie sich bei der Sammelstelle „Gesellschaftshaus Eintracht“ einfinden, wo man ihnen ihr gesamtes Vermögen einzog.
Im „Vorzeigeghetto“ der Nazis mussten Charlotte und Albert harte Arbeit verrichten. Charlotte arbeitete 1943 als Büglerin in der Zentralwäscherei und ab 1944 in einer Kartonwerkstadt. Laut eigenen Aussagen sei sie nie misshandelt worden, stattdessen gab sie an, dass sie wochenlang draußen bei Regen und Kälte lag, starke Lasten tragen musste und unter Mangel- und Unterernährung litt.
Am 9. Mai 1945 erhielten die Kinder endlich wieder eine Nachricht von ihren Eltern: Sie haben Theresienstadt überlebt:
„Theresienstadt; Berggasse 2, Zimmer 01, 09. Mai 1945
Liebe Kinder: Zuerst, wir leben uns sind gesund, nachdem wir harte Zeiten durchgemacht haben. Wir hoffen stark, dass es Euch gut geht und dass ihr gesund seid. Ich denke nur an Euer Wohl.“ (Decker 2007, S. 130)
Nach der Auflösung des Ghettos am 11. Mai 1945 wurden Charlotte und Albert eine Woche später entlassen. Wahrscheinlich reisten sie mit dem Bus in die Heimat zurück, welcher zur Abholung der Bielefelder Überlebenden geschickt wurde. Das Amt für Widergutmachung erkannte das Paar als Opfer von rassistischer Verfolgung an, wodurch sie Sonderhilfen beziehen konnten. Zudem erhielt Charlotte als Erbin ihrer verstorbenen Mutter eine Entschädigungszahlung für Schaden an der Freiheit.
Charlotte Daltrop engagierte sich nach dem Krieg als Referentin der Jüdischen Gemeinde für den Stadtverband der Frauen und arbeitete als freie Journalistin. Sie wurde über 100 Jahre alt und verstarb am 6. Juni 2001. Am 14. März 2024 wurde in Bielefeld die Benennung einer Straße nach ihr bekanntgegeben.
Spur aufgenommen und Recherche
Michelle Fichtner
Universität Bielefeld
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld