Artur Sachs – zuständig für die Wasserversorgung während der Deportation

Artur Sachs am 13. Dezember 1941. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Bd. : Kriegschronik 1941, Bd. 2
13. Dezember 1941
Ostwestfalenplatz 2, 33613 Bielefeld

Auf dem Foto, das am 13. Dezember 1941 am Bielefelder Hauptbahnhof aufgenommen wurde, sehen wir einen Herrn mit weißer Binde. Das ist Artur Sachs, der mit seiner Frau Berta Ende November in ihrer Wohnung im „Judenhaus“ in der Lützowstraße 10 (heute: Karl-Eilers-Straße) die Mitteilung über die bevorstehende „Umsiedlung in den Osten“ erhalten hatte. Sie mussten in Windeseile ihre Koffer packen (100 Pfund pro Person waren erlaubt) und sich am 10. Dezember 1941 in der Sammelstelle im „Kyffhäuser“ einzufinden.

Dort verbrachten sie mit annährend 420 weiteren Jüdinnen und Juden unter unsäglichen Bedingungen („drei Tage und Nächte auf Stroh“) die Zeit bis zum Beginn ihrer Deportation, zu der sie sich am Morgen des 13. Dezember 1941 zum Sammelpunkt im sogenannten Zollschuppen am Hauptbahnhof zu begeben hatten. Von dort ging es auf die Hauptgleise und in den Zug, in dem sich bereits Waggons aus Osnabrück und Münster befanden. Artur Sachs bemerkt dazu in dem Interview, das er 1996 der Shoa-Foundation gegeben hat:

Damals waren das noch Personenwagen, alte Personenwagen von der Bundesbahn [damals noch „Reichsbahn“]. Da sind wir dann zugeladen worden zu den anderen.“ (Artur Sachs 1996. S. 15)

Artur Sachs wurde noch vor der Abreise im Kyffhäuser mit einer weißen Binde ausgestattet, ohne genau zu wissen, was das zu bedeuten hatte. Die jüdischen Frauen hatten ihn dafür ausgesucht, vielleicht wegen seiner sportlichen Figur als Fußballspieler.

Man hatte mich hier im Kyffhäuser bestimmt mit einer weißen Binde. Ich wusste gar nicht, was das bedeuten sollte. Als der Transport sich dann in Bewegung setzte und wir hielten auf den Bahnsteigen, da wusste ich, was das bedeutet. Der Zug war ja verschlossen, die Leute durften nicht raus tagelang. Aber die, die dieses Taschentuch um den Arm hatten, die durften raus […] und durften das Wasser aus den Wasserspendern am Bahnhof in großen Dingern [Kanistern] in den Waggon tragen.“ (Artur Sachs 1996, S. 16)

In Riga angekommen, war Artur Sachs froh, die Binde wieder ablegen zu können, weil er Angst hatte, die SS könnte ihn wegen seiner Sonderstellung gleich erschießen.

Wir wurden sofort von der SS mit ihren Hunden und Peitschen in Empfang genommen. Wer nicht schnell genug laufen konnte, wurde auf der Stelle erschossen.“ (Artur Sachs 1986, S. 11)

Die Fahrt bei eisiger Kälte und ohne nennenswerte Nahrung war für alle eine Tortur. Hinzu kam die ständige Bedrohung durch die Soldaten oder die SS und die Gefahr, für Nichtigkeiten belangt zu werden. Berta Sachs erwähnt in ihren Lebenserinnerungen, dass ihr Mann mehrfach ohne Grund blutig geschlagen wurde. Bei der Überstellung von Stutthof nach Buchenwald wird der überzeugte Sozialdemokrat Artur Sachs sogar als „Politischer Jude“ klassifiziert, was seine Überlebenschancen noch einmal verringerte. Und auch Berta hat eine schreckliche Geschichte zu erzählen, in der die totale Willkür des Systems erkennbar wird:

Eine Kölnerin, die eine jüdische Mutter hatte, durfte bei einem Wachtmeister putzen. Der hatte zuvor eine Lettin als Putzhilfe. Die zeigte den Wachtmeister an, er habe ein Verhältnis mit der Kölnerin. Diese wurde verhaftet und gab mich als Zeugin an, daß sie es nicht habe. Auch ich wurde verhaftet. Mit 41 Frauen haben wir in einem kleinem Raum volle sieben Wochen auf der Erde gelegen. Seelisch bin ich fast zugrunde gegangen.“ (Berta Sachs 1986)

Gänzlich unvorbereitet waren Berta und Artur Sachs allerdings nicht auf das, was sie auf ihrer Odyssee erwartete. Auf die Frage der Interviewerin, ob sie bei der Nachricht über die „Umsiedlung“ eine „Ahnung oder eine Vermutung“ hatten, was mit ihnen passieren würde, antwortet Artur:

Vermutungen hatten wir schon, denn wir hatten hier in der jüdischen Gemeinde, wenn man zusammen saß, schon gehört Transporte, Vernichtung, Polen und so weiter.“ (Artur Sachs 1996, S. 16)

Spur aufgenommen und Recherche
Arbeitskreis „Spuren jüdischen Lebens in Werther“

Literatur

  • Sachs, Artur. Lebenserinnerungen 1933-1945, verfasst 1986. Publiziert als Erinnerungsbuch des Arbeitskreises „Spuren jüdischen Lebens in Werther“, Werther 2010.
  • Sachs, Berta. Gespräch mit Lothar Kurths und Gerhard Sels mit Berta Sachs, geb. Heilbronn, am 2. Januar 1986, erschienen als: Lengericher Geschichte(n), Band 4. Heimatverein für das alte Kirchspiel Lengerich e.V., Lengerich 1998, S. 10-18.
  • Arbeitskreis (Hg).  Spuren – Jüdisches Leben in Werther. Erweiterte Neuauflage, Werther 2020, S. 28-29.

Quellen

Artur Sachs 1996: Sachs, Artur. Interview 18734. Visual History Archive. USC Shoa-Foundation. Transkript FU Berlin 2012. Die Zitate im Text sind Bearbeitungen des wörtlichen Transkripts ohne Veränderung des Inhalts.  Die Videoaufnahme wurde dem Arbeitskreis von der Familie Sachs 2010 zur Verfügung gestellt.

Häftlingskarte von Artur Sachs im Konzentrationslager Stutthof vom 16. August 1944. 6989866 im Bestand 01010503 oS\ITS Digital Archives, Arolsen Archives. URL

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