Am frühen Samstagmorgen des 13. Dezember 1941 mussten sich 420 jüdische Kinder, Frauen und Männer im Eingangsbereich des Bielefelder Sammellagers „Kyffhäuser“ am Kesselbrink versammeln. Einige Stunden später wurden sie – unter Bewachung der Ordnungspolizei – mit Stadtbussen zum nahegelegenen Hauptbahnhof gebracht, um in den Deportationszug nach Riga zu steigen. Fast zeitgleich fand die Verladung ihres schweren Gepäcks auf Pferdewagen statt. Die ‚Geheime Staatspolizei‘ (Gestapo) versuchte diese Aktion als „Umsiedlung“ zu tarnen, obwohl bereits inoffiziell feststand, dass es sich um Maßnahmen zur „Endlösung der Judenfrage“ handelte.
Mit Hilfe der zu dieser Zeit entstandenen Fotoserie des Polizeiassistenten Georg Hübners, die im Stadtarchiv verwahrt wird, und den Beschreibungen Monika Minningers in ihrem Aufsatz „Bilder einer Abschiebung 1941 – Eine Fotoserie zur Bielefelder Judendeportation“ lassen sich diese Vorgänge nachverfolgen.
Beim Betrachten dieser Bilder stellt sich die Frage, welche Rolle die Gestapo bei der Organisation dieser Deportation gespielt hat. Auf mehreren Aufnahmen sind Gestapo-Beamte in Zivil zu erkennen. Dabei handelte es sich höchstwahrscheinlich um den Leiter des „Judenreferats der Staatspolizei Bielefeld“ Wilhelm Pützer oder um seinen extra für diese Aktion aus Münster angereisten Gestapo-Kollegen Heinrich Brodesser. Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Beobachtung von Frau Minninger, dass Fahrzeuge, die eindeutig der Gestapo zugeordnet werden konnten, zu diesem Zeitpunkt in der Nähe des „Kyffhäusers“ abgestellt waren. Auch die provisorische Haltestelle für die Stadtbusse, die die jüdischen Kinder, Frauen und Männer an diesem Tag zum Hauptbahnhof brachten, befand sich in der Nähe des Sammellagers.
Erstaunlich ist, dass die meisten Deportierten diese kurze Strecke nicht zu Fuß zurücklegen mussten. Minninger mutmaßt:
„Wollte man an einem Samstagmorgen die Bielefelder Bevölkerung nicht unnötig auf den Vorgang hinweisen oder scheute man den sichtbaren Einsatz von Sicherheitskräften? […] Im Allgemeinen mussten noch gehfähige Deportationsopfer ihr Gepäck über sehr viel weitere Strecken selbst tragen.“ (Minninger 2008, S. 453)
Außer den „Städtischen Kraftwagenbetrieben“ für den Personentransport beauftragte die Gestapo das Fuhrunternehmen „Rote Radler“ (früherer Radkurierdienst) mit dem Transport des Handgepäcks und der schweren Fracht zum Bahnhof. Bei Beladung in der Nähe des Sammellagers auf offene Pferdewagen mussten junge Männer aus der sogenannten „jüdischen Arbeitseinsatzstelle Schloßhof“, wie Paul Hoffmann und sein Freund Heinz Gießener helfen – fünfzehn Monate später wurden auch sie deportiert. Nur Paul Hoffmann überlebte das Konzentrationslager Auschwitz.
Spur aufgenommen und Recherche
Lutz Havemann
Initiativkreis Erinnern & Gedenken in OWL