Paul und Selma Löwenthal – Rettung der drei Töchter

Porträt von Paul Löwenthal
Porträt von Paul Löwenthal. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,003/Fotosammlung, Nr. 63-1-19
Porträt von Selma Löwenthal
Porträt von Selma Löwenthal. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,003/Fotosammlung, Nr. 63-1-20
Meldekarte von Paul Löwenthal
Meldekarte von Paul Löwenthal. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958
Auszug aus dem Hausbuch Küglerstraße 16 in Bielefeld zum Verbleib der Kinder Löwenthal. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104, 3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1438: Hausbuch, Küglerstr. 16.
Auszug aus dem Hausbuch Falkstraße 17
Auszug aus dem Hausbuch Falkstraße 17. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104, 3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1303: Hausbuch, Falkstr. 17.
13. Dezember 1941
Küglerstraße 16, 33611 Bielefeld

Familienleben

Das Ehepaar Paul und Selma Löwenthal fiel der Deportation nach Riga am 13. Dezember 1941 zum Opfer. Gershon Paul Löwenthal, der 1890 in Eberswalde geboren wurde, war Architekt und führte in Bielefeld in der heutigen August-Bebel-Straße ein Bautechnisches Büro. Spuren seines Schaffens sind auch heute noch in Bielefeld zu sehen. Er konzipierte das „Harms-Haus“ an der Hagenbruch-/Ecke Goldstraße. Selma Löwenstein, geborene Schönfeld, wurde 1893 in Aschaffenburg geboren. Das Ehepaar bekam drei Töchter – Anna, Lisa und Käthe. Anna, die den Beruf der Näherin erlernte, wurde 1921, Lisa 1922 und Käthe im Jahr 1923 geboren. Die Familie lebte seit 1919 in Bielefeld. Vor ihrer Zwangsumquartierung am 14. April 1939 in das „Judenhaus“ in der Falkstr. 17 lebte die Familie in der Küglerstr. 16.

Verfolgung und Krieg

Um zumindest ihre Kinder in Sicherheit vor der Verfolgung durch das NS-Regime und den drohenden Krieg zu bringen, unternahm das Ehepaar Löwenthal große Anstrengungen. Die beiden jüngeren Töchter Käthe und Lisa konnten über einen Kindertransport im Dezember 1938 nach England gebracht werden. Der ältesten Tochter Anna, die zwischenzeitlich eine Anstellung in Bad Nauheim bzw. Bad Oeynhausen gefunden und 1938 einen Lehrgang im Hachschara-Zentrum Landwerk Halbe absolviert hatte, gelang wiederum im März 1939 von Bielefeld aus die Flucht nach England. Die Eltern blieben indes in Deutschland und wurden schließlich am 13. Dezember 1941 nach Riga deportiert. Paul Löwenthal überlebte die harte Zwangsarbeit in Riga nicht und starb bereits 1943. Selma Löwenthal überlebte das Rigaer Getto wohl bis zum Herbst 1944. Die genauen Sterbedaten sind unbekannt.

Ein Leben in der Fremde

Die drei Schwestern schafften es, den Gräueltaten und dem sicheren Tod zu entkommen. Die älteste der drei Schwestern, Anna, erlebte das Kriegsende und den Sieg über das NS-Regime jedoch nicht. Sie verstarb 1943 nach einer schweren Erkrankung in Bristol. Käthe Löwenthal, die unter ihrem Künstlernamen Karen Gershon bekannt wurde, wurde Schriftstellerin. Mit bürgerlichem Namen hieß sie nach ihrer Eheschließung Kathleen Tripp und lebte weiterhin in England. 1963 besuchte sie, zum ersten Mal nach ihrer Flucht, Bielefeld. Auch Lisa heiratete und nahm den Namen Montecorboli an. Sie wanderte nach Italien aus und lebte in Rom. Lisa Löwenthal verstarb mit 80 Jahren am 12. Februar 2003 in Rom, Käthe 69-jährig am 24. März  1993 in London. Die Schwestern stellten Wiedergutmachungsanträge für beide Elternteile gemäß BEG (Bundesentschädigungsgesetz).

Am 7. Februar 2018 wurden für die Familie Löwenthal in der  Küglerstraße 16 ein Stolperstein verlegt.

Spur aufgenommen und Recherche
Saskia David-Gaubatz (Erstversion (pdf))
Landesarchiv Nordrhein Westfalen – Abteilung OWL

Weitere Recherchen
Gabriele Hillner
Stolperstein-Initiative Bielefeld e.V.
Andreas Martin Vohwinkel
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Literatur

  • Asdonk, Jupp / Buchwald, Dagmar / Havemann, Lutz / Horst, Uwe / Wagner, Bernd J. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“, Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 24), Bielefeld 2012.
  • Decker, Brigitte (Hrsg.) Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 22) Bielefeld 2007.
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Minninger, Monika / Stüber, Anke / Klussmann, Rita, Einwohner – Bürger – Entrechtete. Sieben Jahrhunderte jüdisches Leben im Raum Bielefeld, Bielefeld 1988.
  • Schneider, Gertrude, Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941-1944, Dülmen, 2008.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104, 3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1303: Hausbuch, Falkstr. 17.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104, 3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1438: Hausbuch, Küglerstr. 16.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 129.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 10. April 2024

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