Grete, Hans, Selma und Siegfried Hammerschlag: Rückkehr nach Bielefeld

Meldekarte von Grete Hammerschlag. Nach dem Krieg lebte sie einige Jahre zusammen mit ihrer Mutter wieder in Bielefeld, der Stadt, aus der man sie wenige Jahre zuvor nach Riga deportiert hatte. Stadtarchiv Bielefeld Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.
18. Februar 1946
Arndstraße 37, 33615 Bielefeld

Selma Steinweg wurde am 9. Januar 1896 in Schwarzenau (heute Teil der Stadt Bad Berleburg) geboren. Ihr Mann Siegfried (*23. April 1887) Hammerschlag stammte aus Amöneburg im Kreis Marburg. Er war als selbständiger Kaufmann tätig.

Ihn verschlug es im Jahr 1920 nach Schildesche – Selma zog ihm nach und 1. Januar 1924 lebten die beiden in der Turnerstraße 7 in Bielefeld. Zum dauerhaften Heim wurde ihnen ab 29. Juni 1926 dann das Haus Welle 21. Hier kamen auch die Kinder des Paares zur Welt: Hans am 21. Juli 1926, Grete am 31. Juli 1927. Sie wuchsen in Bielefeld auf und gingen hier auch zur Schule.

Die Hammerschlags mussten nach der ‚Machtergreifung‘ 1933 mitansehen, wie die Lage für die Juden in Deutschland immer schwieriger wurde. Grete musste im November 1938 die Klosterschule (Volksschule) in Bielefeld verlassen, weil sie Jüdin war. Siegfried musste ab 1941 als Hausdiener arbeiten. Im Jahr 1941 mussten sie aus ihrer Wohnung ausziehen, wo sie fast 15 Jahre lang gelebt hatten, und wurden dem „Judenhaus“ in der Wiesenstraße 13 in Bielefeld-Milse zugewiesen. Wenig später wurde die gesamte Familie, wie alle Jüdinnen und Juden in Bielefeld, mit einem Zugtransport nach dem Osten – das heißt ins Rigaer Ghetto – deportiert. Die Familie sollte auch dort nicht mehr lange zusammenbleiben.

Als erster starb Siegfried, der Vater, im Sommer 1943 in Riga. Zu dieser Zeit wurden viele Einwohner des Ghettos in das Konzentrationslager Kaiserwald in den Randbezirken der Stadt abtransportiert, darunter auch der Sohn Hans. Nachdem die Front immer näher gerückt war, wurde das KZ geräumt und seine Gefangenen in ein anderes Lager, das KZ Stutthof bei Danzig, verbracht. Von dort ging es für Hans Ende Oktober 1944 weiter nach Buchenwald, wo er im Februar 1945 im Alter von gerade einmal 18 Jahren, kurz vor der Befreiung des Konzentrationslagers starb.

Auch die beiden Frauen hatten in dieser Zeit in Riga zu leiden: Nach dem Krieg berichtet Grete in einem Wiedergutmachungsantrag, dass sie von Angehörigen der SS (Männern und Frauen) auf den Kopf, den Rücken, das Gesicht und dem übrigen Körper geschlagen worden ist.

Selma und ihre Tochter Grete überlebten Holocaust und Krieg. Sie zogen zunächst zurück nach Bielefeld, wo sie zuletzt ab 18. Februar 1946 in der Arndstraße 37 gemeldet waren. Hier arbeitete Grete als Schneider-Volontärin bei der Schneiderei Lüthgen und Mühling. Beide wanderten 1949 allerdings nach Dallas in Texas aus, wo sie ihren Nachnamen in Hammer änderten.

Selma Hammer starb am 8. Juni 1994. Im Jahr 2016 wurde in Bad Berleburg an ihrem Geburtshaus ein Stolperstein zu ihrem Andenken verlegt. Ihre Tochter Grete, die sich in Amerika verheiratete und von da an mit Nachnamen Zetley hieß, arbeitete als Schneiderin und verstarb am 22. September 2005 in San Lorenzo/Texas, USA. Sie besuchte Bielefeld noch einmal im Jahr 2001.

Spur aufgenommen und Recherche
David Hecken
Landesarchiv Nordrhein Westfalen – Abteilung OWL

Literatur

  • Decker, Brigitte (Hrsg.) Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 22) Bielefeld 2007.
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Niemann, Ursula, Liste der um 1933 in Bielefeld ansässig gewesenen Juden und ihre Schicksale sowie ein Überblick über die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Bielefeld, Bielefeld 1972.
  • Schneider, Getrude, Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941-1944, Dülmen/Westf. 2008.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt Bielefeld/B81,450.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 8. Dezember 2021

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