Schwester, Tante und Schwägerin. Die Geschichte von Toni Lieber

Meldekarte von Toni Lieber.
Meldekarte von Toni Lieber. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958
31. März 1942
Ritterstraße 7, 33602 Bielefeld

Die am 8. Januar 1888 in Driesdorf im Drillkreis geborene Toni Lieber war die Schwester von Ernst Lieber. Dieser war verheiratet mit Thekla Heine, der Tochter von Adolf Heine, der die Firma Adolf Heine gegründet hatte, in der auch Toni bis Dezember 1937 als Verkäuferin tätig war. Nach der darauffolgenden „Arisierung“ der Firma arbeitete Toni vom 1. Januar bis 31. Dezember 1938  als Haushilfe bei einem Lehrer in Dinslaken und war vom 29. Oktober 1940 bis 10. April 1941 als Hilfsarbeiterin bei der Bielefelder Buchbinderei Richard Dohse & Sohn in der Scharnhorststraße 2 beschäftigt. Sie wurde damals als “Volljüdin” deklariert und erlebte daher deutliche rassenideologische Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Die Ausgrenzungen führten über Diskriminierung bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes. Sie wurde am 31. März 1942 in das Warschau Getto deportiert – in der Meldekarte ist nur „Evakuierung“ vermerkt worden. Die Deportationen im Jahr 1942 verschleppten von März bis Juli Jüdinnen und Juden in mehreren Sammelzügen von Bielefeld nach Warschau, Auschwitz und Theresienstadt. In Bielefeld wurden sie etwa eine Woche vor ihrer Deportation aufgefordert, sich in einem Sammellager einzufinden, zusammen mit Jüdinnen und Juden aus Münster und dem heutigen Ostwestfalen-Lippe. Dies war in Bielefeld der „Kyffhäuser“ am Kesselbrink. Ihnen wurde nur die Mitnahme von wenigen Gegenständen des persönlichen Bedarfs gestattet.

Über das weitere Schicksal von Toni Lieber, wie auch ihr genaues Todesdatum ist bis heute nichts bekannt.

Im Zuge des Wiedergutmachungsverfahrens wurde Toni Lieber zum 8. Mai 1945 rückwirkend für tot erklärt. Nach ihrem Tod haben ihre Neffen und ihre Nichte, Erich Lieber, Martha Jacobs, Kurt Kamp und Alfred Kamp ein Entschädigungsverfahren initiiert. Das Verfahren war sehr aufwändig, da u.a der Tod von Toni Lieber noch nicht festgestellt worden war. Auch über den International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen konnten keine Informationen über den weiteren Verbleib von Toni Lieber ermittelt werden.

Spur aufgenommen und Recherche
anonym (Erstversion )
Rudolf Rempel Berufskolleg

Ergänzende Recherchen
Andreas Martin Vohwinkel
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Literatur

  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 4) Bielefeld 1985.
  • Wagner, Bernd, Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp / Buchwald, Dagmar / Havemann, Lutz / Horst, Uwe / Wagner, Bernd J. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“, Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 24), Bielefeld 2012, S. 70-127.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Adressbuch der Stadt Bielefeld, 1938. URL
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung,  Stadt, Nr. B 122
Veröffentlicht am und aktualisiert am 29. Mai 2024

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert **

Themen
  • Arbeitslager
  • Ereignis
  • Jugend
  • Nazi-Organisation
  • Person
  • Verfolgung
  • Widerstand
  • Alle Kategorien aktivieren
Navigiere zu