Freitod von Else Rosenberg

Meldekarte von Adolf Rosenberg
Meldekarte von Adolf Rosenberg. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
Todesanzeige von Else Rosenberg.
Todesanzeige von Else Rosenberg. Jüdischen Nachrichtenblatt, 6. Januar 1942.
9. Dezember 1941
Lessingstraße 6, 33604 Bielefeld

Freitod

In der Nacht vom 8. auf den 9. Dezember 1941 nahm die Jüdin Else Rosenberg, geb. Kahn das Schlafmittel Barbital, das damals unter dem Namen Veronal verkauft wurde, um sich damit das Leben zu nehmen. Die Gründe dafür liegen in der bevorstehenden Deportation nach Riga. Else Rosenberg wurde in Darmstadt am 2. November 1884 geboren. Ihr Mann, Adolf Rosenberg war bereits am 7. September 1941 gestorben und ihr Sohn Walter, geboren am 2. Dezember 1909, hatte Bielefeld 1928 verlassen, war später in die Niederlande emigriert und nahm sich ebenfalls das Leben.

Testament

Erhalten sind fünf dienstliche Berichte des Landgerichtspräsidenten Bielefeld an den Oberlandesgerichtspräsidenten in Hamm über den Nachlass Else Rosenbergs. In der Anlage dazu ist eine Kopie des Testaments überliefert.  Danach bestimmte Else Rosenberg, dass die in England lebende Frau ihres Neffen, Marjorie Wertheimer, 10.000 Reichsmark erben solle, wenn der Krieg gegen England beendet sei. Falls das nicht möglich sein sollte, solle das Geld an die Reichsvereinigung der Juden bzw. deren Rechtsnachfolgerin fallen. Ferner sollen Frau Marta Katzenstein, geb. Weber, wohnhaft in Bielefeld und ihre ehemalige Hausangestellte (der Name ist leider nicht eindeutig lesbar) jeweils 1.000 Reichsmark erhalten. Das Nachlassgericht solle einen Testamentsvollstrecker bestellen.

Gerichtsbeschlüsse

Am 16. Dezember 1941 wies das Amtsgericht den Antrag auf einen Testamentsvollstrecker ab. Nachdem Marta Katzenstein am 19. Dezember erneut einen Antrag auf einen Testamentsvollstrecker gestellt hatte, wurde auch dieser Antrag abgewiesen. Die Begründung des Amtsgerichts lautete, es seien die Bedenken, dass dem Reich Vermögenswerte verloren gingen, wenn § 3 der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz Anwendung finden würde.

Gesetzestext:
§ 3. (1) Das Vermögen des Juden, der die deutsche Staatsangehörigkeit auf Grund dieser Verordnung verliert, verfällt mit dem Verlust der Staatsangehörigkeit dem Reich. Dem Reich verfällt ferner das Vermögen der Juden, die bei dem Inkrafttreten dieser Verordnung staatenlos sind und zuletzt die deutsche Staatsangehörigkeit besessen haben, wenn sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt im Ausland haben oder nehmen.

Diese 11. Verordnung wurde am 25. November 1941 erlassen. „Dem Reich verfallen“ bedeutet, dass das Vermögen an den Staat fiel. In diesem Fall sah das Gericht den Freitod genauso wie die Deportation, also weit davon entfernt, den letzten Willen der Verstorbenen zu respektieren.  Weiter heißt es, dass es durch den Krieg mit England nicht tragbar sei, einer Engländerin Geld auszuhändigen und der Frau eines jüdischen Emigranten schon gar nicht. Die weiteren Berichte von Dezember und Januar 1941/42 geben Auskunft über die erneute Beschwerde von Marta Katzenstein gegen den Gerichtsbeschluss auf Ablehnung eines Testamentsvollstreckers, sowie auch diese erneute Ablehnung seitens des Gerichts.  Im letzten Bericht vom 22. Januar 1942 ist zu lesen, dass die Aufnahme eines Nachlassverzeichnisses und eine Nachlasspflegschaft eingeleitet sei. Ob und wie jemals Geld an die Erben ausgezahlt wurde, bleibt offen.

Spur aufgenommen und Recherche
Diana Molt, B.A. (Erstversion (pdf))

Weitere Recherchen
Jürgen Hartmann

Literatur

  • Hartmann, Jürgen, Die Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Bielefeld 1939 bis 1943, in: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte 25 (2021), S. 68-152 . URL
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Rummel, Walter / Rath, Jochen: „Dem Reich verfallen“- „den Berichtigten zurückzuerstatten“. Enteignung und Rückerstattung jüdischen Vermögens im Gebiet des heutigen Rheinland-Pfalz 1938-1953, Koblenz 2001.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
  • Stadtarchiv  Bielefeld, Bestand 308,008/Sammlung Judaica, Nr. 120: Nachlass Else Rosenberg.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 30. März 2022

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