Drang­vol­le Enge: “Un­ter­brin­gung” der Op­fer im Kyff­häu­ser-Saal

In der Bielefelder Sammelstelle „Kyffhäuser“ am Vorabend der Deportation.
In der Bielefelder Sammelstelle „Kyffhäuser“ am Vorabend der Deportation. Stadtarchiv Bielefeld Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 4.
Dicht gedrängt warteten due Jüdinnen und Juden ab dem 10. Dezember 1941 auf die „Evakuierung“ nach Riga im Großen Saal des Kyffhäusers am Kesselbrink.
Dicht gedrängt warteten due Jüdinnen und Juden ab dem 10. Dezember 1941 auf die „Evakuierung“ nach Riga im Großen Saal des Kyffhäusers am Kesselbrink. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik, Nr. 4.
Kommentar des Fotografen Georg Hübner auf der Rückseite einer der Fotos.
Kommentar des Fotografen Georg Hübner auf der Rückseite einer der Fotos. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik, Nr. 4.
10. De­zem­ber 1941
Fried­rich-Ebert-Stra­ße 7, 33602 Bie­le­feld

Das Veranstaltungs- und Versammlungshaus „Kyffhäuser“ am Kes­sel­brink dien­te bei der De­por­ta­ti­on am 13. De­zem­ber 1941 nach Riga zum ers­ten Mal als „Sam­mel­la­ger“ für die „Ab­schie­bung“ von Ju­den. Über 400 Män­ner, Frau­en und Kin­der aus Bie­le­feld und Um­ge­bung wa­ren dort ab dem 10. De­zem­ber „un­ter­ge­bracht“ wor­den.

Bil­der sa­gen mehr als Wor­te

Von der De­por­ta­ti­on nach Riga exis­tiert eine Fo­to­se­rie des Bie­le­fel­der Po­li­zei­as­sis­ten­ten Ge­org Hüb­ner (1895-1968) mit 25 Auf­nah­men für die „Kriegschronik der Stadt Bielefeld“. Da­bei han­del­te es sich wahr­schein­lich um eine Auf­trags­ar­beit für die Ge­sta­po. Nach Kriegs­en­de ar­chi­vier­te das Stadt­ar­chiv die­se Schwarz-Weiß Fo­tos in 6×6 For­mat.

Die Bie­le­fel­der His­to­ri­ke­rin Dr. Mo­ni­ka Min­nin­ger (1941-2010), die in ih­rer drei­ßig­jäh­ri­gen Tä­tig­keit für die­ses Ar­chiv ins­be­son­de­re das jü­di­sche Le­ben in un­se­rer Stadt er­forscht hat, be­schäf­tig­te sich in ih­rem Auf­satz: „Bil­der ei­ner Ab­schie­bung 1941“ aus­führ­lich mit die­sen Bil­dern. „Die ers­ten drei Fo­tos der Riga-Se­rie Hüb­ners zei­gen – dem Ver­lauf der Bie­le­fel­der De­por­ta­ti­on fol­gend – den gro­ßen Saal des ‚Kyff­häu­sers‘ mit der Ga­le­rie.“

Min­nin­ger be­schreibt aus­führ­lich Hüb­ners ers­te Blitz­licht­auf­nah­me, die von ihm am Abend des 12. De­zem­ber 1941 in die­sem Saal des Ta­gungs­lo­kals, zu­sam­men mit zwei wei­te­ren Fo­tos, auf­ge­nom­men wur­den:

Da der Saal für Veranstaltungen mit ca. 400 Zuhörern belegt werden konnte, waren für die 420 Deportationsopfer zweifellos genügend Stühle vorhanden. Aber 50 kg zulässiges Handgepäck pro Person und die Strohlager für die Nacht mussten eine drangvolle Enge schaffen. (…) Auf dem Strohlager haben bereits einige Personen zu beten begonnen, andere sitzen abwartend bis erschöpft oder resigniert auf Stühlen zu erkennen, dazwischen Gepäck und einige wenige Personen, die versuchen zu lesen – nichts von der Atmosphäre eines Sabbatabends in der Chanukka-Zeit (jüdisches Lichterfest). Die auf der Galerie untergebrachten Deportationsopfer konnten wenigstens die Brüstung als Garderobenablage nutzen. Der einzige in Bielefeld noch verbliebene jüdische Arzt, der 43-jährige Dr. Hans Freudenthal (1943 ohne Rückkehr nach Theresienstadt deportiert) beugt sich auf dem Original Nr. 1 im weißen Kittel zu einem im Vordergrund liegenden Jungen.“ (Min­nin­ger, Bil­der 2008, S. 450 f.)

Auf der Rück­sei­te die­ses ers­ten Fo­tos steht un­ter dem Stem­pel des Fo­to­gra­fen Hüb­ners fol­gen­der hand­ge­schrie­be­ner Kom­men­tar: „Der Judendoktor überzeugt sich vom Wohlbefinden seiner Schützlinge.

Was die­se Fo­tos nicht zei­gen

…ist die Angst, Ver­zweif­lung und Un­ge­wiss­heit der Men­schen, die am 13. De­zem­ber 1941 vom Bie­le­fel­der Haupt­bahn­hof nach Riga de­por­tiert wur­den. Auf­grund der Tat­sa­che, dass nur we­ni­ge die­se De­por­ta­ti­on über­lebt ha­ben, gab es auch nur we­ni­ge Zeit­zeu­gen. Edith Bran­don war eine von ih­nen: 1921 in Dan­zig ge­bo­ren zo­gen sie und ihre Mut­ter 1939 nach Min­den. Zwei Jah­re spä­ter wur­den bei­de von dort zu­nächst ins Sam­mel­la­ger in Bie­le­feld ge­bracht und an­schlie­ßend nach Riga de­por­tiert. 1993 er­zähl­te Frau Bran­don rück­bli­ckend:

Im Kyffhäuser haben wir auf Stroh gelegen, da haben sie uns alles abgenommen, was nicht niet- und nagelfest war, also Eheringe und fragen sie nicht, alles. Da haben sie uns nochmal persönlich untersucht, ob auch nichts versteckt war. Dann haben sie uns unsere Pässe und was wir noch hatten abgenommen. Und wir bekamen dann unsere Nummer. Da lagen wir auf Stroh. Da wurde es sehr ‚paniki‘, wie man bei uns sagt. […] Ich glaube, da waren Selbstmordversuche im Kyffhäuser, wenn ich mich nicht irre hat man es vertuschen wollen, aber es war so. Versuche oder gelungene, das weiß ich nicht.

Jedenfalls, dort wurde es dann sehr ängstlich. Erst einmal wegen der Menschenmenge, und überhaupt, wie wir untergebracht waren, auf dem Stroh. Und dann plötzlich ging einem was auf. Irgendwo. Besonders, wie man uns alle Personalien abgenommen hat. Und dann die Nummer. Dann waren wir Nummer soundso. Da hat man sich ungefähr vorgestellt jetzt sind wir nichts mehr, jetzt haben wir keine Persönlichkeit mehr, jetzt haben wir keinen Namen mehr, jetzt existieren wir nicht mehr. – Ich nehme an, dass dieser Gedanke viele Leute, die nun niemanden hatten und die das einfach nicht bewältigen konnten, zum Selbstmord hätte führen können. Das war eine totale Enteignung des Menschen.“ (Meynert/​Misch­ke, Au­gen­zeu­gen 1998, S. 43)

Spur aufgenommen und Recherche
Lutz Ha­ve­mann
In­itia­tiv­kreis Er­in­nern und Ge­den­ken in OWL

Li­te­ra­tur

  • Meynert, Joachim / Mitschke, Gudrun, Die letzten Augenzeugen zu hören. Interviews mit antisemitisch Verfolgten aus Ostwestfalen, Bielefeld 1998.
  • Minninger, Monika, Bilder einer Abschiebung 1941 – Eine Fotoserie zur Bielefelder Judendeportation, in: Westfälische Forschungen 58 (2008), S. 441-460.
  • Wagner, Bernd J., Teil 2: Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp / Buchwald, Dagmar / Havemann, Lutz / Horst, Uwe / Wagner, Bernd J. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“, Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd.  24), Bielefeld 2012, S. 70-127.

Quel­len

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,11/Kriegschronik der Stadt Bielefeld, Nr. 4. URL
Veröffentlicht am und aktualisiert am 23. März 2022

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