„10.07.42 abgewandert“ – Die Deportation der Eheleute David und Meta Katzenstein

David und Meta Katzenstein sind lediglich für den 8. Juli 1942 mit „evakuiert“ vermerkt.
David und Meta Katzenstein sind lediglich für den 8. Juli 1942 mit „evakuiert“ vermerkt. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,003/Einwohnermeldeamt, Nr. 1430: Hausbuch Koblenzer Straße 4.
Dreißig Jahre das Zuhause der Familie Katzenstein – eine Mietwohnung in der heutigen August-Bebel-Straße 124.
Dreißig Jahre das Zuhause der Familie Katzenstein – eine Mietwohnung in der heutigen August-Bebel-Straße 124. Foto: Amke Westhäusser, 2022.
Das "Judenhaus" Koblenzer Straße 4. Foto: ca. 1960; Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-13-74
10. Juli 1942
August-Bebel-Straße 124, 33602 Bielefeld

„Abgewandert“, „evakuiert“ und „Evakuation Ziel unbekannt“ sind nachweisliche Einträge in den amtlichen Dokumenten wie dem Gehaltsbuch der jüdischen Kultusgemeinde von 1942, dem Hausbuch des „Judenhauses“ Koblenzerstraße 4 und der Meldekarte von David und Meta Katzenstein. Die am 8. Juli 1942 und dem 10. Juli 1942 datierten Einträge sind ihre letzten Spuren der Deportation nach Auschwitz-Birkenau.

David Katzenstein, geboren am 9. März 1880 in Rhina (Hessen), und seine Frau Meta Katzenstein, geb. Ochs am 19. Oktober 1888 in Herleshausen (Hessen), bewohnten drei Jahrzehnte lang eine geräumige Mietwohnung in der damaligen Horst-Wessel-Straße 124 (heute: August-Bebel-Straße). David Katzenstein, gelernter Kaufmann, betrieb ein Wandergewerbe für Manufakturwaren und mit diversen Haushaltsartikeln. Meta Katzenstein war Hausfrau. Zusammen hatten sie drei Kinder: Anneliese (geb.1911), Herbert (geb. 1914) und Kurt (geb. 1917). Sie wurden in Bielefeld geboren und wuchsen hier auf.

Der jüngste Sohn Kurt ließ sich nach Abbruch der schulischen Laufbahn 1933, aufgrund von Anfeindungen, zum Gärtner ausbilden, um dann Ende August 1936 nach Palästina auswandern zu können. Der Rest der Familie lebte ab dem 5. März 1940 nach einer Zwangseinweisung im „Judenhaus“ Koblenzerstraße 4 (heute: Artur-Ladebeck-Straße 6). Die Familie lebte dort mit anderen eingewiesenen Jüdinnen und Juden auf engstem Raum: Zeitweise waren dort mehr als 50 Personen untergebracht.

Weil durch das NS-Regime ein Ausübungsverbot praktisch aller Berufe für Jüdinnen und Juden galt, mussten viele Zwangsarbeit verrichten. David Katzenstein arbeitete im Jahr der Deportation bei der jüdischen Kultusgemeinde als Bote und bezog ein kleines Gehalt. Anneliese und Herbert leisteten Zwangsarbeit. Beide wurden am 31. März 1942 nach Warschau deportiert und haben die Shoa nicht überlebt.

Am 8. Juli 1942 wurden das Ehepaar Katzenstein wie weitere jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger aus Bielefeld und Umgebung von der Gestapo Bielefeld aufgefordert, sich im Sammellager “Kyffhäuser“ am Kesselbrink in Bielefeld einzufinden – oder sie wurden abgeholt. So belegt durch den Eintrag im Hausbuch Koblenzerstraße 4: „8.7.42 evakuiert“ und dem Eintrag auf der Meldekarte der Familie David und Meta Katzenstein: „8.7.42 Evakuation, Ziel unbekannt“. Dieser Eintrag spiegelt die Verschleierung des Ziels dieser Deportation wieder. Das „Judenghetto“ Warschau war das angenommene Ziel. Der Zug kam dort aber niemals an. Nach heutigem Forschungsstand geht man davon aus, dass der Deportationszug mit Abfahrtsdatum 10. Juli 1942 aus Bielefeld, in dem sich auch David und Meta Katzenstein befanden, das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zum Ziel hatte. Keiner der aus Bielefeld verschleppten Menschen dieser Deportation haben die Shoa überlebt.

Mit dem Eintrag „10.07.42 abgewandert“ im Gehaltsbuch der jüdischen Kultusgemeinde von 1942 verliert sich die Spur der Eheleute David und Meta Katzenstein. Lange nach Kriegende wird ihr Todestag durch Beschluss des Amtsgerichts Bielefeld auf den 8. Mai 1945 festgelegt.

Kurt Katzenstein hat in Palästina von 1936 bis 1951 als landwirtschaftliche Hilfskraft gearbeitet. Eine von ihm angestrebte kaufmännische Berufsausbildung konnte er nicht nachholen. Bei Antragstellung auf Wiedergutmachung verdiente er sein Geld als Kassenbote.

Spur aufgenommen und Recherche
Amke Westhäusser

Literatur

  • Decker, Martin / von Hollen, Kai-Uwe, „Montag werden wir, wenn’s gut geht, am Ziel sein“. Die Deportation aus dem Gestapobezirk Bielefeld am 10. Juli 1942, in: Ravensberger Blätter, Heft 1 (2010), S. 1-25.
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Wagner, Bernd J., Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp / Buchwald, Dagmar / Havemann, Lutz / Horst, Uwe / Wagner, Bernd J. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“, Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 24), Bielefeld 2012, S. 70-127.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,003/Einwohnermeldeamt, Nr. 1430: Hausbuch Koblenzer Straße
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Wiedergutmachung, Nr. B 109
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 240,1/Jüdische Gemeinde, Nr. 3
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 95-13-74
Veröffentlicht am und aktualisiert am 14. Dezember 2022

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