Die Ausgrenzung und Enteignung des jüdischen Steinzeitforschers Siegfried Junkermann

Zeichnung von Siegfried (ca. 1929) Junkermann im Alter von 58 Jahren.Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr.61 010 009
gezeichnete Karte von Siegfried Junkermann
Diese Karte zeichnete Junkermann von der Gegend im Bielefelder Pass, in der er viele Funde gemacht hatte. Neben der genauen Darstellung zeichnet sich die Karte durch die Bestimmung historisch wichtiger Plätze aus, z.B. Hügelgräber, die Cumberland-Schanze und den Galgen. namu Bielefeld
Die Artefakte aus der Mittelsteinzeit (Tardenoisien), die Siegfried Junkermann in Quelle fand.
Abbildung eines Sammlungskartons mit Artefakten aus der Mittelsteinzeit (Tardenoisien), die Siegfried Junkermann am Blömkeberg in Quelle fand. namu Bielefeld
Kleines Steinbeil aus dem Neolothikum (5800-4000 v. Chr.), Fund von Siegfried Junkermann in Quelle
Kleines Steinbeil, das Siegfried Junkermann 1926 in Quelle fand.Es wurde im Neolithikum (5800 bis 4000 v.Chr) in der Periode der Einzelgrab-Glockenbecherkultur angefertigt. Es wurde aus einer Kieselschiefer-Knolle hergestellt und war wahrscheinlich in einem Knieholm geschäftet. namu Bielefeld
Turnerstraße 11, 33602 Bielefeld

1938 wurde die Politik der Nationalsozialisten für die Juden immer unerträglicher, so dass einige von ihnen über eine Auswanderung nachdachten. Auch der Steinzeitforscher Siegfried Junkermann bereitete seine Ausreise nach England vor. Er war der Begründer der Archäologie in unserer Region. 1922 hat er die „Arbeitsgemeinschaft für Vorgeschichte für Minden-Ravensberg und Lippe“ gegründet und war bis 1934 ihr Vorsitzender. Dieser AG gehörten alle in der Archäologie tätigen Wissenschaftler und Laien an. Mit seiner vorbildlichen Sammeltätigkeit und wissenschaftlichen Arbeiten setzte er Maßstäbe und wurde deshalb geachtet. Weil er aber Jude war, wurde er verachtet und nach 1933 ausgegrenzt.

Siegfried Junkermann wurde am 2. Mai 1872 als ältester Sohn einer Kaufmannsfamilie in Bielefeld geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg übernahm er das Textilgeschäft seines Vaters in Bielefeld. In seiner Freizeit wanderte er durch das Gebiet zwischen Borgholzhausen und Paderborn und fand viele Wohnplätze der Steinzeit. 1926 hat er für das erste Stadtbuch einen Beitrag über die Menschen der Steinzeit in unserem Gebiet geschrieben.

Seine Sammlung war berühmt. 1936 kam Professor Oswald Menghin, der Archäologe aus Wien, nach Bielefeld und hat vier Tage lang Junkermanns Sammlung begutachtet. Die Ergebnisse dieser Arbeit hat er veröffentlicht und auch den Namen Junkermanns genannt. Allerdings hat er verschwiegen, dass Junkermann Jude war. Dieser Wissenschaftler war Nationalsozialist und Judenhasser. 1936 wurde er zum Rektor der Universität Wien gewählt. Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich war er Minister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung in der Ostmark. Er hat für die „Säuberung der Universitäten“ gesorgt. Alle jüdischen Professoren und Studenten wurden aus den Universitäten verbannt.

Viele der wissenschaftlichen Mitglieder der AG Junkermanns waren Judenhasser und deshalb an seiner Ausgrenzung beteiligt.

Der Leiter des Historischen Museums, Dr. Eduard Schoneweg (1886-1986) führte das Museum im Sinne der nationalsozialistischen Rassen- und Heimatideologie. Im Mai 1933 war er in die NSDAP eingetreten. 1945 wurde er vom Dienst suspendiert und 1947 entlassen.

Friedrich Langewiesche (1867-1958) wurde 1929 bei der Altertumskommission als hauptamtlicher Mitarbeiter eingestellt. Er gehörte dem Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten an. Diese Gruppierung trat entschieden gegen die Demokratie ein und war antijüdisch ausgerichtet. 1939 trat Langewiesche der NSDAP bei.

Am 13. Januar 1934 wurde Junkermann als Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft abgesetzt. Die Versammlung leitete Friedrich Langewiesche, Junkermanns Stellvertreter, Walter Adrian führte das Protokoll.

1938 erfuhr Dr. Schoneweg, dass Junkermann seine Ausreise nach England vorbereitete. Er drängte die Stadtverwaltung dazu, die Sammlung zu kaufen. Die NSDAP wollte die Sammlung beschlagahmen, was aber auf den Widerstand der Archäologen traf. Die Stadt kaufte die wertvolle Sammlung, allerdings zu einem unverhältnismäßig niedrigen Preis.

Kurz darauf, noch vor dem organisierten Judenpogrom, den die Nazis „Reichskristallnacht“ nannten, gelang Junkermann die Ausreise. Über sein Leben in England ist kaum etwas bekannt. Am 18. November 1944 verstarb er im Alter von 72 Jahren in England an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Urne wurde nach dem Krieg auf dem jüdischen Friedhof in Bielefeld beim Grab seiner Frau Else Junkermann beigesetzt. Seine beiden Söhne Kurt und Hans Louis Junkermann wurden entschädigt.

Spur aufgenommen und Recherche
Heinz-Dieter Zutz
Stolperstein-Initiative Bielefeld e.V.
Initiativkreis Deportationsausstellung Bielefeld e.V.

Literatur

  • Adrian, Walter, Siegfried Junkermann (1872 – 1944), in: 15. Jahresbericht des Naturwissenschaftlichen Vereins für Bielefeld und Umgegend, 1959.
  • Junkermann, Siegfried , Was wissen wir von der frühesten Besiedlung Bielefelds und seiner Umgebung in vorgeschichtlicher Zeit, Buch der Stadt Bielefeld, Bielefeld 1926, S. 38-42.
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Probst, Stefan, Zur Erinnerung an den jüdischen Steinzeitsammler Siegfried Junkermann aus Bielefeld (1872-1944), in: Jüdische Rundschau, 4.11.2015.
  • Zutz, Heinz-Dieter, Der jüdische Steinzeitsammler Siegfried Junkermann im Umfeld nationalsozialistisch orientierter archäologischer Forscher, Festschrift für Daniel Berenger, in Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie, Band 254, Bonn 2014.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 16. Februar 2022

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