Deportation des Sinto Adalbert Weiß und seiner Familie nach Auschwitz

Adalbert Weiß (ca. 1950). Kommunalarchiv Minden, 50 AfW, Nr. 60, Kartei-Nr. 32.613
Meldekarte von Adalbert Weiß
2. Meldekarte von Adalbert Weiß und dessen Familie aus der Gemeinde Brackwede, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 33.
Gesuch Adalbert Weiß‘ zur Erstattung seines durch die Deportation verlorenen Eigentums
Gesuch Adalbert Weiß‘ zur Erstattung seines durch die Deportation verlorenen Eigentums, Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,2/Amt und Stadt Brackwede, Nr. 2239.
4. März 1943
Schulstraße 59, 33647 Bielefeld

Adalbert Weiß wurde am 7. Februar 1910 in Emleben im heutigen Thüringen geboren. Später betrieb er mit seinem vermutlich in Bergen-Belsen umgekommenen Schwiegervater Robert Weiß und weiteren Familienmitgliedern ein Marionettentheater. Im September 1939 kam er mit seiner Ehefrau Emma Meißner geb. Stein (*19. November 1919) und zwei Kindern in die Gemeinde Brackwede, welche sie im Folgenden aufgrund gesetzlicher Vorschriften der Nationalsozialisten nicht mehr verlassen durften. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass sie auch innerhalb der Gemeinde immer wieder vertrieben wurden. Ab spätestens März 1941 wohnte die Familie in ihren Wohnwagen überwiegend in der Schulstraße in einer Bodensenke in der Nähe des dortigen Kalkwerkes. Im April 1940 wurde der Sohn Robert geboren, 1941 der Sohn Ewald, der aber bereits 1942 verstarb.

Rassepolitische Einschränkungen und Deportation

Weiß durfte seinen Beruf als Schausteller und Artist nicht mehr ausüben. Stattdessen musste er mit anderen männlichen Familienmitgliedern in Fabriken in der Umgebung arbeiten. Ab 1940 war er bei der Firma Heinrich Mühlenweg & Co. als Kraftfahrer und Platzarbeiter beschäftigt.  Im Juni 1941 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, aber bereits wenig später wieder entlassen – die dazu führenden Umstände sind heute nicht mehr vollends aufzuklären. Es liegt jedoch nahe, dass die einschlägigen rassepolitischen Vorgaben dieser Jahre zu seiner Entfernung aus der Armee führten.

Der 1943 durch das Reichssicherheitshauptamt angeordnete und durch die Gestapostelle Bielefeld durchgeführte Abtransport sämtlicher Bielefelder Sinti-Familien führte dazu, dass Adalbert Weiß und seine gesamte Familie zunächst nach Hannover gebracht und später nach Auschwitz deportiert wurden. Damit einhergehend wurde das gesamte Vermögen der Familie beschlagnahmt und anschließend weiterverkauft.

Nur knapp dem Tod entgangen

Da er neben anderen wehrfähigen Häftlingen dazu bestimmt wurde, gegen die vorrückende Rote Armee zu kämpfen, entging Adalbert Weiß dem sicheren Tod durch Vergasung. Seine Frau sowie die Kinder wurden jedoch im Laufe der Jahre ermordet oder erlagen den durch die unwürdigen Bedingungen entstehenden Krankheiten im Vernichtungslager. Adalbert Weiß erlebte eine Odyssee über die Konzentrationslager Ravensbrück und Sachsenhausen bis nach Berlin, wo er bis zum Kriegsende blieb. Offiziell endete seine Haftzeit am 28. März 1945.

Er zog nach Minden, dem Geburtsort seiner verstorbenen Frau Emma. Hier heiratete er ein weiteres Mal und bekam zwei Kinder. Gezeichnet von den gesundheitlichen Folgen seiner Haftzeit folgten quälende Auseinandersetzungen mit den Behörden im Rahmen der sogenannten Wiedergutmachung. Am 1.3.1996 verstarb Adalbert Weiß im nahegelegenen Porta Westfalica.

Spur aufgenommen und Recherche
Helmut Henschel, B.A.
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Literatur

  • Bott-Bodenhausen, Karin., Erinnerungen an Zigeuner. Menschen aus Ostwestfalen-Lippe erzählen von Sinti und Roma, Düsseldorf 1988.
  • Decker, Brigitte/Niko Ewers/Monika Minninger (Hrsg.: Bielefelder Initiative “Erzählt es euren Kindern”), Erzählt es euren Kindern. Regionalgeschichtliche Ergänzung zu dem gleichnamigen Buch von Stéphane Bruchfeld und Paul A. Levine, Bielefeld 2001.
  • Fings, Karola, Sinti und Roma. Geschichte einer Minderheit, München 2016.
  • Fings, Karola (Hrsg.), Zigeunerverfolgung im Rheinland und in Westfalen 1933 – 1945; Geschichte, Aufarbeitung und Erinnerung, Paderborn 2012.

Quellen

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 33.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 120,3/ Amt für Wiedergutmachung, Nr. A 151.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,2/Amt und Stadt Brackwede, Nr. 2239.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,2/Amt und Stadt Brackwede, Nr. C 147.
  • Landesarchiv NRW, D 1 BEG Nr. 5234.
Veröffentlicht am

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