Bio­gra­fie des Bie­le­fel­der Ju­den Al­fred Gott­schalk

Familie Gottschalk am heimischen Kaffeetisch, 1930er Jahre.
Familie Gottschalk am heimischen Kaffeetisch, 1930er Jahre. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,8/Judaica, Nr. 76.
Portrait von Alfred Gottschalk.
Portrait von Alfred Gottschalk. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,8/Judaica, Nr. 76.
Modewarengeschäft „Gebr. Gottschalk“ in der Niedernstraße 29-31 während eines Saisonausverkaufs, um 1925.
Modewarengeschäft „Gebr. Gottschalk“ in der Niedernstraße 29-31 während eines Saisonausverkaufs, um 1925. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1523-067.
Geschäft der Gebrüder Gottschalk in der Niedernstraße 22, ca. 1925.
Geschäft der Gebrüder Gottschalk in der Niedernstraße 22, ca. 1925. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,3/Fotosammlung, Nr. 11-1523-064
31. März 1942
Det­mol­der Stra­ße 129, 33604 Bie­le­feld

Kind­heit und Ju­gend – Al­fred Gott­schalk

Die Bio­gra­fie des jü­di­schen Bie­le­fel­der Kauf­manns Al­fred Gott­schalk und sei­ner Fa­mi­lie steht stell­ver­tre­tend für das Schick­sal zahl­rei­cher, gut in die Bie­le­fel­der Ge­sell­schaft in­te­grier­ter jü­di­scher Fa­mi­li­en wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus.

Al­fred Gott­schalk wur­de am 28. Ok­to­ber 1888 als Sohn der an­ge­se­he­nen jü­di­schen Kauf­manns­fa­mi­lie Bern­hard und Re­gi­ne Gott­schalk (geb. Herz­feld) in Bie­le­feld ge­bo­ren. Nach dem Be­such des Bie­le­fel­der Re­al­gym­na­si­ums, er­hielt er 1914 das Zeug­nis zum „ein­jäh­rig-frei­wil­li­gen Dienst“ und trat dar­auf­hin am 8. April 1915 in das 13. Land­sturm-In­fan­te­rie-Er­satz-Ba­tail­lon VII. A.K. Sen­nela­ger ein. Am 28. No­vem­ber 1916 wur­de er zum Ge­frei­ten er­nannt und am 9. De­zem­ber 1918 ent­las­sen.

Un­ter­neh­mer und Fa­mi­li­en­va­ter – Al­fred Gott­schalk

Am 1. Ja­nu­ar 1919 trat er als Ge­sell­schaf­ter in das 1886 von sei­nem Va­ter Bern­hard und On­kel Da­vid in Bie­le­feld er­öff­ne­te Ma­nu­fak­tur- und Mo­de­wa­ren­ge­schäft „Gebr. Gott­schalk“ ein. Am 8. Juni 1919 hei­ra­te­te er Wal­ly, ge­bo­re­ne Hil­des­hei­mer am 4. April 1894 in Schlüs­sel­burg. Im dar­auf­fol­gen­den April 1920 wur­de die ers­te Toch­ter An­ne­lie­se, 1923 Ur­su­la (Ida) und 1928 Bär­bel (Ruth) Gott­schalk ge­bo­ren. Durch eine er­folg­rei­che Ge­schäfts­po­li­tik pro­spe­rier­te das Ge­schäft „Gebr. Gott­schalk“ und so ent­stand 1920 ein mo­der­nes Kauf­haus in der Nie­dern­stra­ße 29-31.

Auch in der Wei­ma­rer Re­pu­blik war das Kauf­haus ein wach­sen­des Un­ter­neh­men und schuf neue Ar­beits­plät­ze. Nach dem Tod sei­nes On­kels und des Va­ters war er ab 1921 zwar al­lei­ni­ger Ge­schäfts­füh­rer, je­doch tra­ten nun die Wit­we Re­gi­ne (geb. Herz­feld) von Bern­hard Gott­schalk in­fol­ge des Erb­gangs in fort­ge­setz­ter Gü­ter­ge­mein­schaft mit ih­ren Kin­dern Al­fred, Otto und Wal­ter Gott­schalk in die Ge­sell­schaft ein.

Nach­dem im März 1926 in der Gü­ters­lo­her Kö­ker­stra­ße ein wei­te­res Kauf­haus er­öff­net wur­de, fei­er­ten im Ok­to­ber 1926 die Brü­der Gott­schalk, als In­ha­ber ei­nes der größ­ten Kauf­häu­ser Bie­le­felds, ihr vier­zig­jäh­ri­ges Ge­schäfts­ju­bi­lä­um.

Ge­schäfts­auf­ga­be 1934 in­fol­ge Welt­wirt­schafts­kri­se und Ari­sie­rung

In­fol­ge der Welt­wirt­schafts­kri­se Ende 1929 ge­rie­ten auch die Kauf­häu­ser der Ge­brü­der Gott­schalk in eine fi­nan­zi­el­le Kri­se. Ein ge­richt­li­ches Ver­gleichs­ver­fah­ren im No­vem­ber 1932 dien­te zur Ab­wen­dung des Kon­kur­ses. De­zem­ber 1932 wur­de der Ver­gleichs­vor­schlag an­ge­nom­men und das Ver­fah­ren wur­de auf­ge­ho­ben. Am Jah­res­en­de er­folg­te je­doch ein To­tal­aus­ver­kauf we­gen voll­stän­di­ger Ge­schäfts­auf­ga­be. Der Fir­men­sitz der „Gebr. Gott­schalk“ wur­de Ok­to­ber 1933 nach Gü­ters­loh ver­legt.

In­fol­ge des Ari­sie­rungs­er­las­ses von 1933 wur­de das Ge­schäfts­haus der Fir­ma Gebr. Gott­schalk 1934 von der „ari­schen“ Fir­ma Gus­tav Kö­ring, Por­zel­lan- und Glas­wa­ren­hand­lung er­wor­ben. Den­noch er­hielt Al­fred Gott­schalk im Ja­nu­ar 1935 vom Bie­le­fel­der Ober­bür­ger­meis­ter Dr. Paul Prieß als Er­in­ne­rung an den Welt­krieg 1914/​18 das Eh­ren­kreuz für Kriegs­teil­neh­mer.

Ge­schei­ter­te Emi­gra­ti­on nach Chi­le und an­schlie­ßen­de De­por­ta­ti­on

Nach­dem sein Bru­der Otto be­reits mit des­sen Fa­mi­lie 1938 nach Chi­le emi­griert war, stell­te auch Al­fred Gott­schalk für sich und sei­ne Fa­mi­lie ei­nen Ein­wan­de­rungs­an­trag. Die­ser wur­de ge­neh­migt und lag be­reits am 17. No­vem­ber 1939 dem Chi­le­ni­schen Kon­su­lat in Ber­lin vor. Die deut­schen Be­hör­den zö­ger­ten die Aus­rei­se­ge­neh­mi­gung je­doch stän­dig hin­aus, bis sie, in­fol­ge ei­nes staat­li­chen Er­las­ses im Ok­to­ber 1941, der ein end­gül­ti­ges Aus­rei­se­ver­bot für Ju­den be­inhal­te­te, un­mög­lich wur­de. Nur der äl­tes­ten Toch­ter An­ne­lie­se ge­lang noch im Au­gust 1939 die Flucht über Lon­don in die USA. Die Fa­mi­lie Gott­schalk muss­te vor­aus­sicht­lich am 30. März 1942 ihre Woh­nung ver­las­sen und wur­de im Sammellager „Kyffhäuser“ un­ter­ge­bracht. Mit dem Deportationszug vom 31. März 1942 ,Da6´ wur­den Wal­ly, Ur­su­la, Bär­bel und Al­fred Gott­schalk mit wei­te­ren 44 Jü­din­nen und Ju­den aus Bie­le­feld ge­gen 15:30 Uhr vom Haupt­bahn­hof Bie­le­feld ins War­schau­er Ghet­to de­por­tiert und in der Shoah er­mor­det.

Er­in­ne­rung und Ver­le­gung der Stol­per­stei­ne

Heu­te er­in­nern vier im No­vem­ber 2007 ver­leg­te Stol­per­stei­ne vor dem Wohn­haus in der Det­mol­der Stra­ße 129 an das Schick­sal der jü­di­schen Fa­mi­lie Gott­schalk. Auch in der Ge­denk­stät­te Yad Vas­hem wird die Er­in­ne­rung an das Schick­sal von Al­fred und Wal­ly Gott­schalk be­wahrt.

Spur aufgenommen und Recherche
In­grid und Jo­han­nes Helf­mann

Li­te­ra­tur

  • Decker, Brigitte (Hrsg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich, Bielefeld 2007.
  • Schomaekers, Günter, Das Kaufhaus Gebr. Gottschalk. Ein großes jüdisches Unternehmen in Gütersloh 1926-1937 – Ein Kapitel vergessener Geschichte, in: Gütersloher Beiträge zur Heimat- und Landeskunde, Nr. 44/45 (1994), S. 965-974.

Quel­len

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,002.20/ Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 10-1888-2
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Amt für Wiedergutmachung, Nr. B 003
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr. 506
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 50: Westfälische Zeitung
    • vom 3. April 1914. URL
    • vom 29. Januar 1919. URL
    • vom 14. April 1920. URL
    • vom 23. Mai 1922. URL
    • vom 28. Oktober 1926. URL
    • vom 10. November 1932. URL
    • vom 11. November 1932. URL
    • vom 27. Dezember 1932. URL
    • vom 24. März 1933. URL
    • vom 2. November 1933. URL
    • vom 9. Juni 1934. URL
  • Standesamt Petershagen, Standesamtsbuch: Heiratsurkunde B., Nr. 8
Veröffentlicht am und aktualisiert am 13. Dezember 2023

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