Direkt zum Inhalt

Ernst Diele übernimmt die Leitung der Gestapostelle Bielefeld

01. September 1941
Siekerwall 9, 33602 Bielefeld

An der Spitze der Bielefelder Gestapo

Mit Wirkung zum 1. September 1941 trat der Kriminalkommissar Ernst Friedrich August Diele die Leitung der Staatspolizeistelle Bielefeld am Siekerwall 9 an. Drei Monate zuvor war die Dienststelle der Leitstelle Münster unterstellt worden und firmierte fortan als Außendienststelle. Diele blieb bis zum 31. August 1944 im Amt – jene drei Jahre, in denen die Bielefelder Gestapo die Deportationen aus Ostwestfalen und Lippe organisierte und jüdische Männer, Frauen und Kinder über den Bielefelder Bahnhof nach Riga, Theresienstadt, Warschau und Auschwitz verschleppte.

Werdegang in Polizei, Partei und SS

Ernst Diele, am 21. August 1905 in Essen-Steele als Sohn eines Vollziehungsbeamten geboren, hatte eine Schreinerlehre abgeschlossen, das Lehrerseminar besucht und 1927 die Polizeischule Münster durchlaufen. Es folgten Stationen als berittener Schutzpolizist in Dortmund, Recklinghausen und Kassel, ab 1933 in Düsseldorf. Mit dem 1. Mai 1933 trat er in die NSDAP ein. 1936 wechselte er zur Gestapo Düsseldorf, 1937 absolvierte er den Kriminalkommissar-Lehrgang in Berlin-Charlottenburg, im Januar 1939 die Führerschule der Sicherheitspolizei. Anfang 1940 leitete er die Gestapo-Außendienststelle Mönchengladbach. Mit dem Norwegenfeldzug wurde er im April 1940 nach Kristiansand abgeordnet, zunächst als Vertreter des Leiters im Einsatzkommando 2, später selbst als Leiter der dortigen Außendienststelle der Sicherheitspolizei und des SD; in Kristiansand leistete er bis August 1941 Dienst. Sein SS-Rang stieg in dieser Zeit vom Untersturm- zum Obersturmführer.

Die Deportationen aus dem Bielefelder Gestapo-Bezirk

Die Deportationsanordnungen kamen aus der Leitstelle Münster; ihre lokale Umsetzung verantwortete Diele. Seine Unterschrift findet sich auf den Rundverfügungen an Oberbürgermeister, Landräte und Bürgermeister; die Sachbearbeiter der Kommunalbehörden lud er zu vorbereitenden Besprechungen ein. In seinen späteren Vernehmungen gab er nur zu, den Transport nach Theresienstadt am 31. Juli 1942 persönlich begleitet zu haben – gemeinsam mit dem „Judenreferenten“ der Münsteraner Gestapo Heinrich Brodesser und zwei Kripobeamten. Eine Beteiligung an den Transporten nach Riga, Warschau oder gar nach Auschwitz bestritt er; das vermeintlich harmlose „Altersghetto“ Theresienstadt eignete sich besser zur Selbstentlastung.

Schwerin, Untertauchen, neue Identität

Mit drei Jahren im Amt war Diele der dienstälteste Leiter der Bielefelder Stelle. Das Reichssicherheitshauptamt rotierte seine Stellenleiter sonst rascher und kommandierte sie häufig zu den Einsatzgruppen im Osten ab; Dieles Norwegen-Einsatz hatte ihn vermutlich bereits aus diesem Pool herausgenommen. Am 1. September 1944 wechselte er zur Gestapo nach Schwerin. Bei Kriegsende tauchte Diele unter und lebte bis 1954 unter dem Namen Gustav Fischer als Angestellter einer Holzfirma im Solling. Damit entzog er sich der Entnazifizierung und der alliierten Spruchgerichtsbarkeit gegen Gestapoangehörige. Das Straffreiheitsgesetz vom 17. Juli 1954 verlängerte die sogenannte Offenbarungsfrist für unter falschem Namen Lebende bis zum 31. Dezember 1954; in diesem Zeitraum trat Diele wieder unter seinem wahren Namen auf. 1955 heiratete er ein zweites Mal.

Vernehmung 1962 und eingestelltes Verfahren

Am 5. Januar 1962 vernahm ihn die Staatsanwaltschaft Bielefeld im Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zum Mord an den aus dem Bielefelder Gestapobereich Deportierten. Diele bestritt, vom Vernichtungszweck gewusst zu haben:

Natürlich war ich mir darüber im Klaren, dass diese Maßnahmen für die Juden nicht angenehm waren. Dass man die Juden aber tatsächlich der physischen Vernichtung zuführen wollte, war weder mir noch meinen Beamten bekannt.“ (LAV NRW OWL, D 21 A Nr. 4852)

Den Ermittlungsbehörden erschien diese Einlassung nicht glaubwürdig, widerlegen ließ sie sich nicht. Das Verfahren wurde 1963 eingestellt. Ernst Diele starb am 7. Februar 1978 in Holzminden.

Spur aufgenommen und Recherche
Jürgen Hartmann

Veröffentlicht am 15. Juni 2026 und aktualisiert am 16. Juni 2026

  • Asdonk, Jupp / Buchwald, Dagmar / Havemann, Lutz / Horst, Uwe / Wagner, Bernd J. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“. Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941–1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 24), Bielefeld 2012
    Dams, Carsten / Stolle, Michael, Die Gestapo. Herrschaft und Terror im Dritten Reich, München 2012
  • Frei, Norbert, Vergangenheitspolitik. Die Anfänge der Bundesrepublik und die NS-Vergangenheit, München 1996
  • Hartmann, Jürgen, Die Bezirksstelle Westfalen der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland in Bielefeld 1939 bis 1943, in: Rosenland. Zeitschrift für lippische Geschichte, Nr. 25 (Juli 2021), S. 68–162 URL 
  • Hey, Bernd, Zur Geschichte der westfälischen Staatspolizeistellen und der Gestapo, in: Westfälische Forschungen 37 (1987), S. 58–90
  • Nøkleby, Berit, Gestapo. Tysk politi i Norge 1940–1945, Oslo 2003
     

  • Bundesarchiv Berlin, R 58/1247: Ernst Diele, Bewerbung um Verwendung in der Sicherheitspolizei und im SD für die Kolonien
  • Bundesarchiv Berlin, R 9361-VIII Kartei/6111532: NSDAP-Zentralkartei Ernst Diele
  • Bundesarchiv Berlin, R 9361-IX Kartei/6210588: NSDAP-Gaukartei Ernst Diele
  • Bundesarchiv Berlin, R 9361-III/30757 und R 9361-III/521238: SS-Unterlagen Ernst Diele
  • Landesarchiv NRW, Abt. Ostwestfalen-Lippe, D 21 A Nr. 4852: Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Bielefeld gegen Ernst Diele u. a. wegen Beihilfe zum Mord, 1961–1965