Am 21. März 1943 schrieb die Jüdin Therese Meyer (1890–1944), Ehefrau des Bielefelder Rechtsanwalts Dr. Gustav Meyer, wenige Wochen vor ihrer Deportation einen letzten Brief an zwei ihrer im Exil lebenden Söhne. In einer eigentümlichen Mischung vereint der Brief ein melancholisches Abschiedsnehmen, einen Hoffnungsschimmer und den Durchhaltewillen einer aus Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gespeisten Kämpfernatur:
„Wenn wir auch noch immer nicht die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit Euch allen aufgeben, so ist doch die Chance durch die neuste Wendung in unserem Schicksal erheblich herabgemindert. […]
Was uns nun in Theresienstadt erwartet, wissen wir nicht. Wir verlieren aber den Mut nicht, dass wir auch die Zeit dort überstehen können und dass ein Hoffnungsfunke besteht, dass wir Euch, geliebte Kinder, doch eines Tages wiedersehen! Vaters Gesundheit hat sich zum Glück in den letzten Monaten gefestigt [...]; ich hoffe daher, dass er auch einige Strapazen ertragen kann und dass wir beide zusammenbleiben können. Denn das ist für uns zwei alte Kriegskameraden die Hauptsache! Ich hoffe in Th[eresienstadt] als Schwester tätig sein zu können und in meinen alten Kriegsstiefeln aus dem Jahre 1915 trete ich auch die Reise dorthin an! Wir wollen den frohen Vorsatz mit hinaus nehmen, alles zu tun, um ein Wiedersehen mit unseren Kindern zu ermöglichen – das ist auch der einzige Gedanke, der uns die Kraft geben wird, alles Schwere zu ertragen und zu überwinden. Wenn das Schicksal es aber anders mit uns vorhat, dann wollen wir auch nicht murren, sondern dankbar dafür sein, dass wir 27 Jahre lang eine nie getrübte harmonische Ehe geführt haben, dass wir Euch 3 Kinder in die Welt setzen durften, auf die wir voll Glück und Stolz blicken und deren wir bis zum letzten Atemzug voll inniger Liebe gedenken.“
Aus dem Wiedersehen wurde nichts. Gustav starb 1943 in Theresienstadt, Therese im Folgejahr in Auschwitz.
Über Berlin und Lötzen nach Bielefeld
Therese Meyer wurde am 14. Dezember 1890 in Dortmund geboren. Neben vier Söhnen war sie die einzige Tochter des späteren Brauereidirektors Julius Melchior (1853–1908) und dessen Frau Emilie, geborene Frankenstein (1856–1943). 1915 dürfte sie mit ihrer Mutter nach Berlin-Grunewald gezogen sein. Da diese ihr das gewünschte Medizinstudium verweigerte, absolvierte Therese eine kurze Ausbildung zur Krankenschwester.
Im Feldlazarett Lötzen (heute Gyzicko) lernte sie Gustav Meyer kennen, mit dem sie sich im Frühjahr 1916 verlobte. Die nächsten Monate waren neben einer gemeinsamen Zeit in Lötzen davon geprägt, dass Therese in Bielefeld und Schlesien die Familie ihres zukünftigen Mannes kennen lernte und sich in Berlin mit ihrer Mutter aussöhnte, die den aus weniger betuchten Kreisen stammenden Schwiegersohn in spe nur widerwillig akzeptierte. Fast täglich hielt Therese einen engen Briefkontakt zu ihrem Verlobten, der nach seiner verletzungsbedingten Entlassung aus dem Heeresdienst seine Anwaltspraxis in Bielefeld wiederaufnahm. Neben einem Sinn für das Praktische und Organisatorische scheinen zwei wesentliche Charakterzüge Thereses durch: Zum einen ermahnte sie ihn fürsorglich, gut zu essen, sein Schlafzimmer gut zu lüften und auf keinen Fall wieder mit dem Rauchen anzufangen. Zum anderen setzte sie sich gegen Widerstände durch und hatte klare Vorstellungen von ihrer Zukunft:
„Ich habe mir ja fest vorgenommen, mich nicht unterkriegen zu lassen. […] Es ist jetzt so, dass ich Dich mir erkämpfen musste - nun will ich aber auch endlich den Frieden und die Ruhe bei Dir finden, die ich heiß ersehne.“ (Brief vom 14. September 1916)
„Was sind doch die gleichgültigen Ehen, wo Mann und Frau nebeneinander hergehen, wo dort die Frau erst in dem Kind Erfüllung sieht und wo der Mann schließlich ‚Mittel zum Zweck‘ ist (verzeih den Ausdruck!). Bei uns ist und wird es doch anders sein! Wir wollen doch als treue Kameraden miteinander leben - eines für andere - und da soll nachher das Kind die höchste Erfüllung für Beide bedeuten!“ (Brief vom 20. September 1916, Unterstreichungen im Original)
Am 4. November 1916 heirateten Therese und Gustav in Berlin-Grunewald; am 10. November zogen sie nach Bielefeld.
Kultur, Haushalt und Familie
In Bielefeld – ab 1922 in der Kavalleriestraße 14 – führte die Familie laut den Erinnerungen des Sohnes Alfred ein „recht geselliges Leben“. Beide Eheleuten waren Mitglied der jüdischen Loge des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Während kurzzeitigen Abwesenheiten ihres Mannes kümmerte sich Therese um das Geschäftliche und Finanzielle der Anwaltspraxis. Ansonsten leitete sie den durch die drei Söhne Rudolf (1917–1983), Alfred (1920–1998) und Hans Joachim „Hajo“ (1924–2014) angewachsenen Haushalt, zu dem auch zwei Dienstmädchen zählten. Als „verkappte Feministin“ – so Alfred – „hat sie sich als Hausfrau und Mutter etwas beengt gefühlt“, ging als Krankenschwester aber auch in der Pflege von Mann und Söhnen auf, die sie als warme, intelligente und effiziente Frau in Erinnerung behielten.
Das Ehepaar Meyer bemühte sich um eine gute Ausbildung der Söhne, sodass diese ab 1938/39 ins Exil gehen konnten. Um Hajo trotz mangelhafter Einkünfte auch in den Niederlanden zu unterstützen, verzichteten die Eltern auf Luxus oder Neuanschaffungen. Gezwungenermaßen mussten sie 1936 in die Niedernstraße 43 und 1938 in die Lützowstraße (heute Karl-Eilers-Straße) 10 umziehen. Bis zuletzt bemühten sie sich um einen regen Briefverkehr mit den Söhnen.
Deportation und Tod
Am 12. Mai 1943 wurden Therese und Gustav Meyer nach Theresienstadt deportiert. Nach dem dortigen Tod ihres Mannes wurde Therese am 10. Dezember 1944 nach Auschwitz verlegt, wo sich ihre Spur verliert. Laut dem niederländischen Soziologen Leo Turksma soll sie durch eine in einem Brot geschmuggelte Zyankalikapsel den Freitod gewählt haben.
Spur aufgenommen und Recherche
Benjamin Torn
Landesarchiv NRW, Abteilung OWL
- Meyer, Hajo G., Briefe eines Flüchtlings 1939-1945. Ein jüdischer Junge im holländischen Exil, Berlin 2014
- Meyer, Alfred G., Mein Verhältnis zu Deutschland und zum Jude sein, in: Meynert, Joachim (Hrsg.), Ein Spiegel des eigenen Ich. Selbstzeugnisse antisemitisch Verfolgter, Bielefeld 1988, S. 158-185
- Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm: Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4), Bielefeld 1985
- Wagner, Bernd J., Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp et al. (Hrsg.): „Es waren doch unsere Nachbarn!“ Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945, Bielefeld 2012, S. 70-127
- Arolsen Archives, Nr. 8242108, Liste der aus Deutschland nach Theresienstadt Deportierten, G-M. URL
- Arolsen Archives, Nr. 2316007, Transporte EP und EQU zum Konzentrationslager Auschwitz. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18
- Stadtarchiv Bielefeld, 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 137
- Stadtarchiv Bielefeld, 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 139
- Stadtarchiv Bielefeld, 200,137/Nachlass Alfred Meyer, Nr. 1-20
- Vera Meyer Family Collection, AR 25075. Leo Baeck Institute. URL
- Yad Vashem, Collection, ID 3733311. URL