Am 7. November 1934 erhielt der jüdische Rechtsanwalt und Notar Dr. Gustav Meyer das Ehrenkreuz für Frontkämpfer. Im Ersten Weltkrieg war er in der Schlacht bei Tannenberg 1914 verwundet worden und hatte sich anschließend in der Schlacht bei den masurischen Seen eine schwere Lungenkrankheit zugezogen. Aufgrund der erhaltenen Auszeichnung blieb er 1933 zunächst vom Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte verschont, wurde gemeinsam mit seiner Ehefrau Therese (1890-1944) aber dennoch am 12. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Gustav Meyer am 15. Mai 1944.
Jurist und Kriegsveteran
Gustav Meyer wurde am 6. Juni 1884 in Herford als Sohn von Adolf Eduard Meyer (1855–1935) und Theodora Meyer (1861–1915) geboren. In Leipzig studierte er Jura bis zur Promotion und war Mitglied der Studentenverbindung Alsatia. Am 29. Mai 1911 kam er nach Bielefeld und betrieb dort eine Praxis als Rechtsanwalt. Im Festungslazarett Lötzen (heute Gizycko) lernte er die Krankenschwester Therese Melchior kennen und verlobte sich mit ihr im Frühjahr 1916. Der danach fast täglich einsetzende Briefverkehr bis zur Hochzeit am 4. November 1916 zeugt von einer gegenseitigen „Kameradschaft“.
Wenige Tage nach der Eheschließung zogen Gustav und Therese in die Hermannstraße 40, wo die Söhne Rudolf (1917¬–1983) und Alfred (1920–1998) zur Welt kamen. Nach einem Umzug in die Kavalleriestraße 14 folgte der dritte Sohn Hans Joachim „Hajo“ (1924–2014).
Patriot und Rechtsanwalt
In Bielefeld war Gustav Meyer Mitglied der jüdischen Loge und in der Deutschen Demokratischen Partei tätig. Daneben gehörte er zu den Mitbegründern der Bielefelder Ortsgruppe des Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten. Mit vaterländischem Stolz auf sowohl den eigenen Veteranenstatus als auch die Beteiligung der Vorfahren an den früheren Freiheitskriegen erzog er die Kinder „in Liebe zum Vaterland“ – sie feierten Weihnachten als ein „deutsches Fest“. Die Synagoge besuchte sie nur an Feiertagen.
Dieser zurückhaltende Patriotismus, die juristische Tätigkeit und der Glaube ans Gesetz prägten Gustav Meyer. Umso mehr erschütterte es ihn, als sein Bruder, ein hochdekorierter Weltkriegsveteran, wegen eines Hitler-Witzes zu einem mehrjährigen Aufenthalt im Konzentrationslager Dachau verurteilt wurde. Auch wenn Gustav selbst vom Berufsverbot für jüdische Rechtsanwälte zunächst nicht betroffen war, kam es doch zu einem merklichen Rückgang der Klienten und zu finanziellen Einbußen um 65-95%. Im September 1938 verlor schließlich auch er seine Anwaltszulassung, wurde aber zum alleinigen Rechtsvertreter („Konsulent“) der Bielefelder Juden zugelassen.
Vaterrolle und Exilüberlegungen
Seinen Söhnen galt Gustav Meyer zumeist als „recht unnahbar“: „Wenn er nicht in seinem Büro oder am Gericht war, dann studierte er zu Hause seine juristischen Zeitschriften und durfte nicht gestört werden.“
Dennoch bemühte er sich gemeinsam mit seiner Ehefrau darum, dass diesen eine gute Ausbildung zugutekam. Unter anderem wurden die Kinder durch das Erlernen moderner Sprachen auf ein Leben im Exil vorbereitet. Dort sollten diese in der Lage sein, ein eigenes Leben aufzubauen, damit die Eltern später nachkommen könnten. Gustav selbst verfügte weder über die Sprach-, noch über die geschäftlichen oder körperlichen Fähigkeiten, um in der Fremde ein ernsthaftes Einkommen zu ermöglichen. Die Strategie ging nicht auf, obwohl die Söhne 1938/39 flüchten konnten. Im Sommer 1941 hatten Gustav und Therese bereits Papiere für die USA, konnten diese nach der Schließung des amerikanischen Konsulats nicht weiter nutzen. Überlegungen, nach Kuba einzureisen, zerschlugen sich ebenfalls. Stattdessen wurde das Ehepaar am 12. Mai 1943 nach Theresienstadt deportiert, wo Gustav Meyer ein Jahr später an den Folgen seiner Lungenverletzung starb.
Spur aufgenommen und Recherche
Benjamin Torn
Landesarchiv NRW, Abteilung OWL
- Meyer, Hajo G., Briefe eines Flüchtlings 1939-1945. Ein jüdischer Junge im holländischen Exil, Berlin 2014
- Meyer, Alfred G., Mein Verhältnis zu Deutschland und zum Jude sein, in: Meynert, Joachim (Hrsg.), Ein Spiegel des eigenen Ich. Selbstzeugnisse antisemitisch Verfolgter, Bielefeld 1988, S. 158-185
- Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm: Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4), Bielefeld 1985
- Wagner, Bernd J., Deportationen in Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp et al. (Hrsg.): „Es waren doch unsere Nachbarn!“ Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945, Bielefeld 2012, S. 70-127
Arolsen Archives, Nr. 8242108, Liste der aus Deutschland nach Theresienstadt Deportierten, G-M. URL
Stadtarchiv Bielefeld 104,1/Ordnungsamt, Nr. 1182
Stadtarchiv Bielefeld, 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18
Stadtarchiv Bielefeld, 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 137
Stadtarchiv Bielefeld, 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 139
Stadtarchiv Bielefeld, 200,137/Nachlass Alfred Meyer, Nr. 1-20.
Vera Meyer Family Collection, AR 25075. Leo Baeck Institute. URL
Yad Vashem, Collection, ID 3733311. URL