Das Haus Brüderpfad 3
Schon 1771 gab es die Gasse Bruderpfade, die heute Brüderpfad heißt. Dort wurde 1870 das Zweifamilienhaus Brüderpfad 3 gebaut. Der erste Eigentümer war Wilhelm Schröder. Nach mehreren Besitzerwechseln erwarb Louis Hamlet, geboren am 8. Dezember 1856, ein jüdischer Viehhändler aus Jöllenbeck, am 15. August 1922 das Wohnhaus und zog dort mit seiner Ehefrau Berta Rieke, geborene Nathan am 24. Januar 1867, und fünf ihrer insgesamt neun Kinder ein.
Die Tragödie der Berta Rieke Hamlet im "Judenhaus"
Nach dem Tod ihres Mannes am 26. September 1936 wurde Berta Rieke Hamlet Eigentümerin des Hauses. Mit ihrer jüngsten Tochter Ruth bewohnte sie die 4-Zimmer Wohnung im Erdgeschoß. In der oberen Etage vermietete sie Zimmer an alleinstehende berufstätige Hausangestellte. Ruth Hamlet zog am 1. Januar 1938 nach Elberfeld. Im gleichen Jahr wollte sie mit ihrer Mutter und ihren Geschwistern Herbert und Dorothea nach Seattle in die USA emigrieren. Berta Rieke Hamlet entschloss sich jedoch aufgrund ihrer Diabetes-Erkrankung und einer beginnenden Erblindung in Bielefeld zu bleiben. Am 19. August 1938 zogen Tochter Marta mit Schwiegersohn Leo Landau aus Herford zu Berta Rieke Hamlet in die Wohnung nach Bielefeld, um sie zu versorgen.
Nachdem das Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 ("Entmietungsgesetz“) in Kraft getreten war, wurden die jüdischen Mieter aufgefordert auszuziehen und umzuziehen – so kam es im Brüderpfad 3 zu beengten Wohnverhältnissen. Die kranke Berta Rieke Hamlet entschloss sich nun doch mit Tochter Marta und Schwiegersohn Leo Landau nach Amerika zu emigrieren. Jedoch war Ihnen die Ausreise 1941 nicht mehr möglich. Berta Rieke Hamlet wurde unter Zwang in das israelitische Krankenhaus nach Hannover gebracht und verstarb dort am 17. April 1942. Marta und Leo Landau wurden am 31. März nach Warschau deportiert – zehn Tage zuvor verließen sie als letzte Bewohnerinnen und Bewohner das Haus.
Das Wohnhaus Brüderpfad 3 wird in der Liste von 1968 als "Judenhaus" gelistet. Im Vergleich weist es jedoch eine andere Geschichte auf: Es hat nur geringe Einquartierungen unter Zwang seitens der Stadtverwaltung Bielefeld gegeben und es lassen sich auch nicht die typischen Auszüge vor den Deportationen nachweisen – die meisten Auszüge hatten andere "Judenhäuser" zum Ziel. Weitere, zusammenhängende Forschungen sind nötig. Es hat sich aber um eine Wohnmöglichkeit für Jüdinnen und Juden nach dem "Entmietungsgesetz" vom 30. April 1939 gehandelt, welches Jüdinnen und Juden von dem Rest der Gesellschaft segregierte.
Weitere jüdische BewohnerInnen des Hauses und Wechsel der Eigentumsverhältnisse
Es wohnten weitere jüdische Mieterinnen und Mieter in dem Haus. Beata Clara Schürmann hatte bereits am 4. August 1941 den Brüderpfad 3 verlassen müssen und lebte bis zu ihrer Deportation nach Riga am 13. Dezember 1941 im "Judenhaus" Koblenzerstraße 4. Das Ehepaar Max und Hedwig Sieger lebte bis Juli 1942 im Haus (Deportation nach Theresienstadt am 31. Juli 1942), das Ehepaar Julius und Klara Mattes musste im Dezember 1942 in ein anderes "Judenhaus" umziehen.
Im März 1943 wurde das Haus vom Deutschen Reich beschlagnahmt. Danach lebten dort nur noch "arische" Mieterinnen und Mieter.
Wiedergutmachung und Verkauf des Hauses
Die in die USA ausgewanderten Hamlet-Kinder haben mit ihren Familien überlebt. Sie beantragten als Erbengemeinschaft die Wiedergutmachung und waren letztlich erfolgreich. Die Rückgabe des Hauses erfolgte 1957. Für die sechs Monate, die Berta Rieke Hamlet zwangsweise den Judenstern tragen musste (vom 19. September 1941 bis 17. April 1942), wurde eine Entschädigung von 900 Mark an die Nachfahren gezahlt (6 Monate à 150 Mark).
1957 verkauften die Erben das Haus Brüderpfad 3 an den Tischlermeister M. Heller.
Spur aufgenommen und Recherche
Marita Steinsiek, Helma Brandt
Geschichtswerkstatt der VHS Bielefeld
- Roden, Günter von, Geschichte der Duisburger Juden. Teil 2 (Duisburger Forschungen, Bd. 34), Duisburg 1986
- Landesarchiv NRW Abt. OWL, D 20 A Nr. 8286
- Landesarchiv NRW Abt. OWL, D 20 A Nr. 9658
- Landesarchiv NRW Abt. OWL, D 20 A Nr. 9659
- Landesarchiv NRW Abt. OWL, D 26 Nr. 129
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,5/Geschäftsstelle V, Nr. 551
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt Bielefeld, Personenstandsregister, Nr. 300: 1936 Bd. 3
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1262: Hausbuch Brüderpfad 3
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/ Wiedergutmachung, Nr. B 81
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/ Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten vom 5. Mai 1939 URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/ Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten vom 27. Mai 1939 URL