Opfer-Täter-Dualismus im Onlineportal „Spurensuche Bielefeld 1933-1945“

Die Einteilung „Opfer“ und „Täter“ sind in der Öffentlichkeit ein gebräuchlicher Gegensatz zur Darstellung von Akteur*innen während der Zeit des Nationalsozialismus. Das Onlineportal „Spurensuche Bielefeld 1933-1945“ arbeitet mit dieser Einteilung zur Orientierung, beispielsweise in der interaktiven Stadtkarte. Die „eindeutigen Kategorien“ stehen jedoch zunehmend unter Kritik und bedürfen zur weiteren Verwendung einer Einordnung.

“Opfer” und “Täter” in der interaktiven Stadtkarte

In der interaktiven Stadtkarte des Onlineportals können über das Zahnrad-Symbol (rechts oben) folgende Kategorien aufgerufen werden, die farblich kodiert unterschiedliche Gruppen von Spuren anzeigen:

  • Opfer,
  • Täter,
  • Orte,
  • Ereignisse und
  • Widerstand.

Die Kategorien dienen im Onlineportal als selektiver Filter für Spuren. Sie erheben daher nicht den Anspruch, eine Person, einen Ort oder ein Ereignis abschließend allein als ‚Opfer‘ oder ‚Täter‘ zu bewerten. Sie bieten einen funktionalen Zugang zur besseren Übersicht und Nutzung in der interaktiven Stadtkarte. Gleichzeitig ermöglichen sie eine erste inhaltliche Orientierung im Opfer-Täter-Diskurs, ohne eine abschließende Bewertung vorzunehmen. Einige Spuren gehören mehreren Kategorien an. Die Kategorien erheben nicht den Anspruch, den aktuellen Wissenschaftsdiskurs vollständig abzubilden.

Die Festlegung der aktuell fünf Kategorien ist in der Operativen Redaktion („OpeR“) des Onlineportals diskutiert und beschlossen worden. Der weitere Betrieb des Onlineportals und die Rückmeldung der Benutzer*innen werden eine Grundlage für mögliche Anpassungen bieten.

“Opfer” und “Täter” im Konzept des Onlineportals

Die fünf Kategorien lehnen sich an das Konzept „Erinnerungskultur in Bielefeld“ an und bieten eine einfache Möglichkeit Spuren zu filtern. Sie repräsentieren keine abschließenden Werturteile zu Personen, Orten oder Ereignissen in Bezug auf eine Opferrolle oder Täterschaft. Im Gegenteil: Die gewählte Kategorisierung soll mögliche Diskussionsräume schaffen.

Die Vielschichtigkeit des menschlichen und institutionellen Handelns entzieht sich einer klaren und abschließenden Kategorisierung. Die Autor*innen berücksichtigen jedoch, dass bestimmte oder vorübergehende Rollen oder Ereignisse, eine erste Positionierung im Opfer-Täter-Diskurs vorzunehmen. Eine weiterführende Bewertung oder Auseinandersetzung kann innerhalb der einzelnen Texte von Spuren vorgenommen werden. Es ist daher nicht der Anspruch des Onlineportals mit den Kategorien eine finale Wertung festzulegen, sondern eine kritische Diskussion in Bezug auf eine Person, ein Ereignis oder einen Ort zu ermöglichen.

„Opfer und Täter“ als Dualismus in der Geschichtsforschung

Der Diskurs zu Opferrollen und Täterschaft im Nationalsozialismus ist nach 1945 in der ersten Aufarbeitung durch die alliierten Siegermächte begonnen worden und wird bis heute international geführt – insbesondere auch in der Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR. In den mehr als 75 Jahren wurden nicht nur unterschiedliche Wertungen gefällt, sie folgten auch unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben. Dazu gehören auch sich verändernde Blickwinkel aus politischen, religiösen, kulturellen und ethnischen Interessenslagen.

Zu unterscheiden ist darüber hinaus zwischen juristischen und geschichtswissenschaftlichen (Wert-)Urteilen. Sie unterliegen einerseits den verschiedenen Blickwinkeln, andererseits zeitlich unterschiedlichen Wertungen der Öffentlichkeit. Darin zeigt sich keine Beliebigkeit, sondern eine sich entwickelnde Betrachtung der Aufarbeitung und Bewertung der Zeit des Nationalsozialismus nach 1945.

Eine Unterscheidung zwischen „Täter“, „Opfer“ und „Bystander“ (engl.: Zuschauer, Mitläufer) reduziert Komplexität – z.B. von Biographien. Sie fordert daher eine weitergehende, inhaltlich-komplexe Auseinandersetzung mit dem historischen Wissen. Gleichzeitig kann die Unterscheidung in politischen Diskursen die notwendige Auseinandersetzung aber auch verhindern: Feste Opfer- und Täterbilder geben Orientierung, die schwer aufzugeben sind.

Die geschichtswissenschaftliche Forschung begegnet der unzureichenden Unterscheidung zwischen „Opfern“, „Tätern“ und „Bystandern“ mit einer zunehmenden Differenzierung: weg vom Täter-Opfer-Dualismus, hin zu verschiedenen Gruppen und Akteuren sowie der Institutionen, Orten und Ereignissen innerhalb der Gesellschaft und während der Zeit des Nationalsozialismus.

Diese tiefe Differenzierung ist akademisch zielführend und unabdingbar. Im praktischen Betrieb des Onlineportals bietet ebendiese jedoch eine sehr voraussetzungsvolle, nicht abbildbare und somit kontraproduktive Kategorisierung. Das Onlineportal orientiert sich daher an dem einfacher zu vermittelnden „Täter-Opfer-Dualismus“ und weist, im Rückgriff auf aktuelle Forschungsdiskussionen, auf bestehende Probleme und Unschärfen hin. Ferner schafft es somit Diskussionsräume und eine aktive Auseinandersetzung. Sie können und sollen in den Texten der Spuren sowie der Kommentarfunktion aufgegriffen und diskutiert werden.

Jan-Willem Waterböhr, 14. Februar 2022

Literatur

  • Hilberg, Raul, Die Motive der Deutschen für die Vernichtung der Juden, in: Pehle, Walter H. / Schlott, René (Hrsg.), Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerung, Frankfurt a.M. 2016, S. 35-70.
  • Mehler, Daniela, Srebrenica und das Problem der einen Wahrheit, in: Feindt, Gregor (Hrsg.), Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, Göttingen 2014, S. 205-234.
  • Thiemeyer, Thomas, Zwischen Helden, Tätern und Opfern. Welchen Sinn deutsche, französische und englische Museen heute in den beiden Weltkriegen sehen, in: Geschichte und Gesellschaft 36 (2010), S. 462-491.

Online-Ressourcen

  • Gajdukowa, Katharina (2009), Opfer-Täter-Gesprächskreise nach dem Ende der DDR: Bundeszentrale für politische Bildung. URL
  • Konnte man nur Täter oder Opfer sein? Interview mit Daniel Feierstein: Bundeszentrale für Politische Bildung. URL
  • Sichtweisen auf Täter und Opfer im NS-Vernichtungskrieg (Vortrag), Dieter Pohl (Klagenfurt), Svenja Goltermann (Zürich), Wulf Kansteiner (Aarhus): Bundeszentrale für Politische Bildung. URL