Die Lebensmittelversorgung Bethels im Zweiten Weltkrieg war eine Herausforderung für die von Bodelschwinghschen Anstalten. Bereits seit den 1920er Jahren bewirtschaftete Bethel auch außerhalb von Bielefeld Landgüter und -höfe, um die Versorgung gewährleisten zu können. Einer dieser Orte war der Heimathof Hermannsheide, der sich in der Sennelandschaft zwischen Augustdorf und Hövelhof auf dem heutigen Truppenübungsplatz befand.
Als Zweiganstalt der Verwaltung Bethels (Königsweg 1) unterstellt, welche ab 1926 insgesamt 430 Hektar Land erwarben, diente der Heimathof der landwirtschaftlichen Versorgung Bethels. Verantwortlich für den Heimathof war der Betheler Diakon Jakob Blauth, auch Hausvater genannt. Erste polnische Zwangsarbeiter kamen hier Ende 1939 zum Einsatz, vermutlich im November.
Durch die Nähe zum Kriegsgefangenlager Stalag 326 in Stukenbrock-Senne mussten ab 1942 auch sowjetische Kriegsgefangene in Hermannsheide Zwangsarbeit leisteten. Insgesamt geht man von circa 100 Gefangenen aus, die zwischen 1942 und 1945 auf dem Heimathof gefangen gehalten und ausgebeutet wurden. Für die Betroffenen stellte der Heimathof einen Gewaltraum dar. Sie wurden zur Arbeit gezwungen und mussten landwirtschaftliche Erträge für Bethel erwirtschaften. Bethel profitierte erheblich von dieser Arbeitskraft und war damit ein Akteur des NS-Zwangsarbeitssystems in Bielefeld und der Region. Einer der Kriegsgefangenen auf dem Heimathof war Stanislaw Zdanowicz:
Im Herbst 1944 wurde Stanislaw Zdanowicz von dem Stalag 326 in das Arbeitskommando auf den Heimathof Hermannsheide zur Zwangsarbeit überstellt. Dort war er gemeinsam mit den anderen Gefangenen in der Land- und Forstwirtschaft tätig. In seinen Memoiren erinnert er sich an die Zeit als Gefangener und an ein Gewaltverbrechen, als die Arbeiterkolonne samt Zdanowicz den Truppenübungsplatz durchquerte:
"Einmal dreht einer der Gefangenen demonstrativ seinen Blick nach links [...]. Dann näherte er [ein SS-Offizier] sich dem Gefangenen, befahl ihm, aus der Reihe zu treten, sich auf beide Knie zu knien, und begann, ihm mit seinen Stiefeln zu treten. Nach einer Weile fiel der getretene Gefangene auf die Seite. Dann begann der wütende SS-Mann, ihm gegen den Kopf zu treten und schrie: ‘Auf die Knie!’ Aber der Gefangene stand nicht mehr auf. [...] Zwei Kriegsgefangene mussten den geschlagenen Gefangenen tragen, da er nicht mehr selbstständig gehen konnte."
Der Heimathof war familienhistorisch ein besonderer Ort für Zdanowicz, weil er dort nach Jahren des Krieges seine Mutter Maria Zdanowicz wiedertraf. Diese war gemeinsam mit dem Bruder von Stanislaw als zivile Zwangsarbeiterin nach Deutschland gekommen und wurde vom Arbeitsamt Bielefeld nach Hermannsheide beordert. Die Verwaltung erlaubte Stanislaw wöchentliche Besuche – ein außergewöhnliches Privileg.
Stanislaw Zdanowicz erinnerte sich an das erste Treffen, "das man nicht beschreiben kann. Es war ein Wunder – wie kann man ein Wunder beschreiben? Wie kann man die Erfahrung zweier Menschen beschreiben, einer Mutter und ihres Sohnes, die durch die Wirren des Krieges getrennt wurden und sich nach drei Jahren an einem höchst unwahrscheinlichen Ort, zu einer höchst unwahrscheinlichen Zeit und unter höchst unwahrscheinlichen Umständen in die Arme fallen?"
Für die Gefangenen war der Heimathof ein Ort der Verfolgung und der Gewalt. Stanislaw Zdanowicz überlebte, blieb als sogenannte Displaced Person länger im besetzten Deutschland und arbeitete als Fahrlehrer in einem DP-Lager bei Minden. Für ihn, seine Frau – die er in einem DP-Lager kennenlernte – und ihre 1949 in Lahde geborene Tochter war eine Rückkehr in das von der Sowjetunion besetzte Polen keine Option. Die junge Familie wanderte 1949 nach Australien aus.
Der Heimathof wurde in der Nachkriegszeit noch bis 1959 von Bethel unter der Leitung Jakob Blauths weiter bewirtschaftet. Aufgrund Erweiterungen des Truppenübungsplatzes Augustdorf wurde der Großteil des Heimathofes 1988 gesprengt. Heute erinnern vor Ort nur noch einzelne Mauerreste an die Geschichte des Hofes und der Zwangsarbeit.
Spur aufgenommen und Recherche
Lasse Stoevesandt
Förderverein Gedenkstätte Stalag 326
- Fäßler, Peter / Neuwöhner, Andreas / Nickel, Oliver / Pingel, Falk / Weidner, Marcus (Hrsg.), Das Stammlager 326 (VI K) Senne. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg: Forschungsperspektiven und Erinnerungskultur, Paderborn 2026
- Mentner, Regina, „Arbeit ist Ehre und Freude des freien Mannes” - Zwangsarbeit in Bethel, Eckhardsheim und Freistatt, in: Benad, Matthias / Mentner, Regina (Hrsg.), Zwangsverpflichtet. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter(-innen) in Bethel und Lobetal 1939 – 1945, Bielefeld 2002, S. 67 – 132
- Pieper, Volker, Stockhecke, Kerstin, Der Einsatz von Kriegsgefangenen in den v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, in: Benad, Matthias, Mentner, Regina (Hrsg.), Zwangsverpflichtet. Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter(-innen) in Bethel und Lobetal 1939 – 1945. Bielefeld 2002, S. 133 – 142
- Weidner, Karl / Otto, Reinhard, Das Stammlager 326 (VI K) Senne 1941 – 1945, Bielefeld, 1992
- Zdanowicz, Irena / Zdanowicz-Taylor, Eva / Zdanowicz, Stanislaw, Memoirs 1939 – 1956, Melbourne 2022
- Archiv Förderverein Gedenkstätte Stalag 326, Bestand E 016, Nachlass Zdanowicz
- Hauptarchiv Bethel, HAB Nr. 2/38-233
- Hauptarchiv Bethel, Kleine Erwerbungen, Nr. 220