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„Ich bin immer noch eine Bielefelderin“ – Die Flucht von Helga Zisper

10. November 1938
Hammerschmidtstraße 15, 33615 Bielefeld

Ein jüdisches Leben in Bielefeld

Helga Zipser, geborene Lewisohn am 2. März 1925 in Bielefeld, wuchs mit ihrer jüdischen Familie in der Hammerschmidtstraße 15 auf. Ihr Vater, Artur Lewisohn, arbeitete als Kaufmann, ihre Mutter Lotte Lewisohn, geborene Hirschfeld, stammte ebenfalls aus Bielefeld. Die Familie lebte zunächst ein gutes und ruhiges Leben und Helga hatte viele Freundinnen, mit denen sie Zeit verbrachte. Sie besuchte die Auguste-Viktoria-Schule.

Diskriminierung und Entrechtung

Nachdem Adolf Hitler 1933 an die Macht gekommen war, änderte sich das Leben der Familie jedoch immer stärker. Helga gehörte zur jüdischen Opfergruppe im Nationalsozialismus, die von den Nationalsozialisten systematisch ausgegrenzt und verfolgt wurde. Durch die Nürnberger Gesetze verloren jüdische Menschen viele Rechte, wodurch auch Helgas Familie immer mehr eingeschränkt wurde. Ihre Freundinnen durften plötzlich nicht mehr mit ihr spielen, und auch die Hausangestellten mussten die Familie verlassen.

Die „Kristallnacht“ und erzwungenes Ende der Schulzeit

Besonders schlimm war für Helga die „Kristallnacht“ am 10. November 1938, bei der überall im deutschem Reich Synagogen zerstört und jüdische Menschen angegriffen wurden. Helga sah damals aus dem Fenster ihrer Schule die brennende Synagoge in Bielefeld. Kurz darauf wurde sie von ihrer Lehrerin nach Hause geschickt, weil sie nicht mehr zur Schule kommen sollte. Zum Abschied schenkte die Lehrerin ihr noch ein Buch von Rudyard Kipling, was Helga später nie vergessen hat. Dadurch endete ihre Schulzeit am 10. November 1938 plötzlich und ihre Zukunft wurde stark verändert.

Flucht und Neubeginn in den USA

Im August 1939 floh die Familie schließlich mit dem Schiff „Veendam I“ in die USA, weil jüdische Familien in Deutschland nicht mehr sicher waren. In Amerika begann für Helga ein neues Leben. Sie ging dort weiter zur Schule, heiratete später Lester Zipser und zog mit ihm nach Tampa in Florida, wo sie zwei Kinder bekam, Linda und Randy.

Nachwirkungen und Erinnerung

Nach dem Krieg beantragte Helga Wiedergutmachung, weil sie wegen der Verfolgung ihre geplante Ausbildung als Kunstzeichnerin nicht abschließen konnte. Insgesamt erhielt sie 10.000 DM Entschädigung.

Im Jahr 2001 kehrte Helga noch einmal nach Bielefeld zurück, wo sie eine Rede in der Synagoge und im Rathaus hielt. In ihrer Rede erinnerte sie sich an ihre Kindheit, an die Ausgrenzung und an die Flucht nach Amerika. Trotzdem sagte sie am Ende auf Deutsch: „Ich bin immer noch eine Bielefelderin.“ Gerade dieser Satz ist der Beweis dafür das sie ihre Heimat trotz der schlimmen Erinnerungen nie vergessen hat.

Spur aufgenommen und Recherche
Lion Emisch, Mateusz Resko
Rudolf Rempel Berufskolleg

Veröffentlicht am 30. Juni 2026

Das Schicksal von Helga passt exemplarisch zur nationalsozialistischen Politik der Ausgrenzung und Verfolgung, da sie nur wegen ihrer „Rasse“ benachteiligt, ausgeschlossen und schließlich zur Flucht gezwungen wurde. Aus heutiger Sicht war diese Behandlung unmenschlich, weil jeder Mensch die gleichen Rechte und dieselbe Würde haben sollte. Im Grundgesetz steht heute sogar, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Genau gegen diesen Grundsatz haben die Nationalsozialisten gehandelt.

  • Decker, Brigitte (Hrsg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 22), Bielefeld 2007

  • Stadtarchiv Bielefeld 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt, Nr. B 215

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