Oberntorwall 2 – Das Schicksal der jüdischen Fabrikantenfamilie Heinemann
In einer von Charlotte Daltrop 1968 für das Amt für Wiedergutmachung angefertigten Liste von „Judenhäusern“ ist auch das Haus Obernt(h)orwall 2, neben 18 weiteren Adressen, aufgeführt.
In diesem Haus lebte seit Ende des 19. Jahrhunderts die Unternehmerfamilie Heinemann. Zur Familie gehören Moritz Heinemann (*1846), seine Ehefrau Sofia (*1852) und die Kinder Else (*1870) und Ernst-Otto (*1878). Ab 1900 ist auch das Kontor seiner Firma in diesem Haus. Das Unternehmen selbst, eine Fabrik für Metallecken für Kartonagen, hat seinen Sitz Am Waldhof. Moritz Heinemann ist Eigentümer beider Immobilien. Die Kinder von Moritz Heinemann erben nach dem Tod des Vaters 1930 die beiden Immobilien.
Das Haus Oberntorwall 2 wird zum sog. Judenhaus
Das Wohnhaus Oberntorwall 2 wird 1932 erweitert. Ernst-Otto Heinemann hat zu diesem Zeitpunkt offensichtlich noch positiv in die (wirtschaftliche) Zukunft geschaut. Obwohl selbst nicht in Bielefeld ansässig, hat er der Vermietung der neuen Räume Chancen gegeben. Nach der Erweiterung zieht 1933 der Rechtsanwalt Waechter (bis 1938) ein. 1934 wird zusätzlich an den Assistenzarzt Tornow vermietet. In diesem Jahr zieht auch die jüdische Familie Weiß ein: Vater Emil (*1880), Mutter Anna (*1894), Sohn Fritz (*1921) und Tochter Lore (*1932). Emil Weiß arbeitet bis 1938 als selbständiger Handelsvertreter und nach seinem Berufsverbot ab 1939 für die jüdische Kultusgemeinde bzw. für die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (RVJD). Im Zuge der sich verschärfenden Repressionen gegen jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in den 1930er Jahren wohnen, unter zunehmend beengten Verhältnissen, mehr und mehr Jüdinnen und Juden auch zwangsweise im Haus Oberntorwall 2. Das Haus wird zum sogenannten Judenhaus.
In diesem Zusammenhang ergeben sich u.a. folgende Fragen: ab wann kann man das Haus als sogenanntes Judenhaus bezeichnen? Sind alle neuen Bewohnerinnen und Bewohner amtlich zugewiesen worden? Ist es denkbar, dass Emil Weiß, über seine Tätigkeit für die jüdische Kultusgemeinde und die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland jüdischen Familien die Möglichkeit gab, in diesem Haus, unter ihresgleichen, ohne Repressionen zu wohnen? Gab er Einzelnen die Möglichkeit, dort vorübergehend und preiswert zu wohnen, um beispielsweise Ausreiseangelegenheiten zu regeln?
Unternehmensentwicklung und Arisierung
Die Firma wird bis 1938 weitergeführt und dann im Rahmen der zu dieser Zeit forcierten „Arisierung“ jüdischen Eigentums am 4. September 1939 abgemeldet und auf Karl Otte überschrieben.
Das Schicksal der Bewohnerinnen und Bewohner
Else Katzenstein kann 1939 gemeinsam mit ihren Söhnen Otto (*1905) und Hans (*1908) über London nach New York fliehen. Über das Schicksal ihres Bruders Ernst-Otto Heinemann ist nichts bekannt.
Verschiedene Unterlagen geben Auskunft über die Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihr Schicksal.
Von den 36 Menschen jüdischen Glaubens, die zwischen 1934 und 1942 im Haus Oberntorwall 2 wohnen, kann Folgendes nachgewiesen werden:
- Nur fünf Menschen gelingt es, ins Ausland zu fliehen.
- 22 Menschen werden deportiert und ermordet.
- sieben Menschen haben ein bisher unbekanntes Schicksal erfahren.
- zwei Menschen überleben die Deportation.
Ab 16. Juni 1942 wird das Haus nur noch von nicht-jüdischen Familien bewohnt.
Spur aufgenommen und Recherche
Christiane Wauschkuhn
Geschichtswerkstatt der Volkshochschule Bielefeld
- Adressbücher der Stadt und des Landkreises Bielefeld: 1901, 1902, 1910, 1914, 1919, 1925/26, 1926/27, 1930/31, 1932, 1933-1940. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1500: Hausbuch Oberntorwall 2
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,4/Steueramt, Nr. 10