Am 18. Juli 1937 verlässt Walter Porta gemeinsam mit Ehefrau und Tochter seine Heimatstadt Bielefeld. Es ist ein Abschied für immer, denn als Jude sieht Walter für sich und seine Angehörigen keine Zukunft unter dem NS-Regime und hat sich daher schweren Herzens für eine Auswanderung nach Palästina entschieden. Dieser Entschluss rettet Walter und seiner Familie das Leben.
Familie und berufliche Tätigkeit
Walter Max Porta wird am 9. August 1880 als Sohn des Kaufmanns Daniel Porta (1852-1924) und dessen Ehefrau Sara Porta, geborene Ganz (1849-1928), geboren. Die Familie wohnt in der Siekerstraße 13, wo Walters Vater seit 1879 ein Kolonialwarengeschäft und seit 1896 zusätzlich eine Gastwirtschaft betreibt. Eigentlich möchte Walter Zahnarzt werden, beugt sich letztlich jedoch dem Willen seines Vaters und ergreift ebenfalls den Beruf des Kaufmanns. Nachdem er in Hannover, London und Rotterdam Berufserfahrung gesammelt hat, arbeitet Walter im väterlichen Geschäft, das er schließlich im Mai 1911 offiziell übernimmt. Im selben Monat heiratet er Käte Müller (1886-1949), mit der er in das Eckhaus Detmolder Straße 11 zieht. Aus der Ehe gehen die Kinder Herbert (1912-1996) und Marianne (geboren 1920) hervor.
Als Walter von September 1916 bis November 1918 als Soldat im Ersten Weltkrieg kämpft, führt Käte das Familiengeschäft erfolgreich fort. Auch wenn Walter unbeschadet aus dem Kriegsdienst zurückkehrt, gestalten sich die nächsten Jahre für Familie Porta nicht einfach: Infolge des Krieges und der daraus resultierenden Inflation sind Größe und Kaufkraft der Geschäftskundschaft stark reduziert, weshalb Walter im Februar 1923 das Lebensmittelgeschäft an der Siekerstraße 13 verkauft und fortan als Vertreter der Bielefelder Firma Wilhelm Hoppe tätig ist. Nachdem er im April 1927 auch die väterliche Gastwirtschaft aufgegeben hat, arbeitet Walter primär als Reise- und Versicherungsvertreter. Im November 1930 zieht er mit seiner Familie in das kurz zuvor erworbene Wohnhaus an der Kastanienstraße 2 (heute Regerstraße).
Leben unter dem NS-Regime
Die „Machtergreifung“ Adolf Hitlers im Januar 1933 verändert das Leben von Familie Porta grundlegend. So erinnert sich Walter 1940:
"Ich selbst befaßte mich zu dieser Zeit nur noch mit Versicherungsvertretungen, und wenn ich auch unter den Ereignissen weniger zu leiden hatte, als andere Glaubensgenossen mit eigenen Geschäften und Betrieben, so brachte doch der Umschwung für mich mancherlei Hemmungen im Verkehr mit der Kundschaft. Man begann, seinen gesellschaftlichen Verkehr ganz auf jüdische Kreise zu beschränken; bei uns war das Gefühl entstanden, daß wir unsere christlichen Freunde durch den Umgang mit uns keinen Unannehmlichkeiten durch die Partei aussetzen wollten. Besonders die jüdischen Kinder hatten in den Schulen mancherlei zu leiden. Von Spielen mit christlichen Kameraden wurden sie, ebenso wie von Klassenausflügen ausgeschlossen, und empfindsame junge Menschen wie unsere Marianne litten darunter sehr." [Porta, S. 24]
Gleichermaßen leidet Sohn Herbert, der seit Herbst 1932 in Würzburg Medizin studiert, unter den Repressionen, denen jüdische Studierende seit Januar 1933 ausgesetzt sind. Desillusioniert bricht er im Herbst 1933 sein Studium ab und wandert auf Anraten von Verwandten im Januar 1934 nach Hadera in Palästina aus. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern der jüdischen Gemeinschaft macht sich jedoch auch Walter keinerlei Illusionen über das NS-Regime. So erinnert sich seine Tochter Marianne 1996:
"Mein Vater hatte 'Mein Kampf' gelesen und die Konsequenz daraus gezogen: 'Das ist jetzt genug', hat er gesagt und all unseren jüdischen Freunden angeraten, dieses Buch zu lesen. […] Alle haben doch geglaubt, das dauert nur einige Monate, höchstens ein halbes Jahr. Und dann sei Schluß. Aber mein Vater sagte: 'Wir haben keine Zukunft mehr hier für uns und unsere Kinder. Seht zu, daß ihr eure Koffer packt!'" [Kreppel, S. 112]
Auswanderung und Neuanfang
Den endgültigen Entschluss zur Auswanderung nach Palästina fasst Walter allerdings erst im Verlauf des Jahres 1935:
"Im Februar-März 1935 besuchte ich Herbert in Palästina, um ihn persönlich zu sprechen und vom Leben dort etwas zu sehen. […] Nach Hause zurückgekehrt, konnte ich mich trotzdem vorderhand und nach allem, was ich in Palästina gesehen hatte, obwohl damals das Land einen riesigen Aufschwung erlebte, nicht ohne weiters [sic] zu dem Entschluß durchringen, Deutschland zu verlassen. Anders wurde dies aber nach dem Erlaß der Nürnberger Rassegesetze. Von jetzt ab kannte die Diffamierung der Juden keine Grenze mehr. […] Das alles veranlaßte mich, im Herbst 1935 die Vorbereitung für unsere Auswanderung einzuleiten." [Porta, S. 26]
Da die Liquidierung des familiären Grundbesitzes aufgrund neuer Kataster-, Fluchtlinien- und Bebauungsvorschriften schleppend verläuft, kann Familie Porta jedoch erst im Juli 1937 nach Palästina auswandern. Im September 1937 zieht sie von Hadera nach Haifa um, wo Walter mit seinen Kindern ein Lebensmittelgeschäft betreibt, das er aufgrund mangelnder Rentabilität allerdings im Februar 1940 wieder aufgibt. Im selben Jahr beschließt die Familie, nach Kiryat Stand (heute Kiryat Ata) umzusiedeln, von wo aus Walter als Dolmetscher in einem britischen Camp bei Atlit tätig ist. Walter Porta stirbt am 17. Oktober 1958 in Kiryat Stand.
Spur aufgenommen und Recherche
Andreas Martin Vohwinkel
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld
- Decker, Brigitte (Hrsg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich, Bielefeld 2007
- Kreppel, Klaus (Hrsg.), Wege nach Nahariya. Gespräche mit Einwohnern einer deutschsprachigen Siedlung in Israel, Bielefeld 1998
- Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985
- Wagner, Bernd J., Die Deportationen aus Bielefeld und Ostwestfalen 1941-1945, in: Asdonk, Jupp et al. (Hrsg.), „Es waren doch unsere Nachbarn!“ Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945, Bielefeld 2012, S. 70-127
- Amtliches Adreßbuch der Stadt Bielefeld 1869. URL
- Adreßbuch für Stadt Bielefeld, 1969/97. URL
- Porta, Herbert, Meine Begegnung mit Bielefeld, in: Meynert, Joachim (Hrsg.), Ein Spiegel des eigenen Ich. Selbstzeugnisse antisemitisch Verfolgter, Bielefeld 1988, S. 116-130
- Porta, Walter, 140 Jahre im Spiegel einer Familienchronik. Geschichte der Familie Porta, in: Minninger, Monika (Hrsg.), Aus einer Hochburg des Reformjudentums. Quellensammlung zum Bielefelder Judentum des 19. und 20. Jahrhunderts, Bielefeld 2006, S. 14-31
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 1181: Gewerbekartei jüdischer Betriebe (Alsberg - Zuckerberg), 1920-1939
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 1182: Gewerbekartei A – Z, ca. 1919-1949
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 100-1880-2: Geburtenregister Bielefeld, 1880, Bd. 2 (Eintrag Nr. 813)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 100-1912-2: Geburtenregister Bielefeld, 1912, Bd. 2 (Eintrag Nr. 801)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 200-1879: Heiratsregister Bielefeld, 1879 (Eintrag Nr. 128)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1884-1: Sterberegister Bielefeld, 1884, Bd. 1 (Eintrag Nr. 299)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1886-1: Sterberegister Bielefeld, 1886, Bd. 1 (Eintrag Nr. 161)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1888-1: Sterberegister Bielefeld, 1888, Bd. 1 (Eintrag Nr. 123)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1893-1: Sterberegister Bielefeld, 1893, Bd. 1 (Eintrag Nr. 104)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1924-2: Sterberegister Bielefeld, 1924, Bd. 2 (Eintrag Nr. 725)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,2.20/Standesamt, Personenstandsregister, Nr. 300-1928-2: Sterberegister Bielefeld, 1928, Bd. 2 (Eintrag Nr. 401)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld, 1920-1958
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1562: Hausbuch Siekerstraße, 1903-1948
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 41: Der Wächter vom 6. November 1879. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 50: Westfälische Zeitung vom 13. Mai 1911. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 50: Westfälische Zeitung vom 20. Mai 1911. URL