Auf dem Niederwall vor dem Rathaus stehen zahlreiche Särge. Uniformierte Ehrenwachen, Fahnenträger und eine Musikkapelle rahmen die Szene ein. Über dem Eingang befindet sich ein großer Reichsadler mit Hakenkreuz; weitere nationalsozialistische Symbole hängen von der Rathausfassade. Das Foto zeigt damit nicht nur eine Station der Beisetzung. Es dokumentiert, wie das NS-Regime die Trauer um die Opfer des Luftangriffs 1944 öffentlich und politisch inszenierte. Das Rathaus, die Formationen und die Hoheitszeichen vermittelten das Bild einer geschlossen trauernden „Volksgemeinschaft“, während das persönliche Schicksal der einzelnen Opfer in den Hintergrund trat.
Die archivische Beschreibung bezeichnet die Aufnahme als „Beisetzung der Opfer des Bombenangriffs vom 30.9.1944“ und datiert sie auf den 6. Oktober 1944. Da die offizielle Trauerfeier laut einer zeitgenössischen Zeitungsankündigung bereits am 5. Oktober stattfand, entstand das Foto möglicherweise schon an diesem Tag. Eindeutig klären lässt sich dies anhand der überlieferten Angaben nicht. Als Aufnahmeort ist der Niederwall verzeichnet; der Name des Fotografen fehlt. Warum die Särge vor dem Rathaus aufgestellt wurden und wie dieser Teil der Beisetzung genau ablief, geht daraus nicht hervor. Weitere Quellen führen jedoch vom Rathaus zu einem zweiten Ort: dem Sennefriedhof, an dem die offizielle Trauerfeier stattfand.
Der Luftangriff und seine Folgen
Am 30. September 1944 warfen amerikanische Bomber große Mengen Spreng- und Brandbomben über Bielefeld ab. Innerhalb kurzer Zeit wurden weite Teile der Altstadt zerstört. Zahlreiche Menschen wurden verschüttet oder starben in den brennenden Gebäuden. Da Bergungs- und Einsatzkräfte noch tagelang nach Toten und Vermissten suchten, stand die Zahl der Opfer zunächst nicht vollständig fest. Insgesamt kamen bei dem Luftangriff 649 Menschen ums Leben.
Die Vorbereitung der Beisetzung begann bereits am Tag nach dem Angriff. Am 1. Oktober bat die Stadt die Wehrmacht, ein Arbeitskommando von etwa 40 Männern zum Ausheben der Gräber auf dem Sennefriedhof bereitzustellen. Zudem nahm sie den Obergefreiten Schornmann, Fachgruppenleiter für Bestattungswesen, für mehrere Tage in Anspruch. Die Behörden griffen dabei auf Planungen zurück, die bereits 1943 Zuständigkeiten für die Bergung, den Abtransport und die Beerdigung von Luftkriegsopfern festgelegt hatten.
Die Kulisse der inszenierten Gemeinschaft
Die Aufstellung vor dem Rathaus machte die Toten im Zentrum der Stadt öffentlich sichtbar. Dabei standen nicht ihre Namen oder Lebensgeschichten im Vordergrund. Die nationalsozialistischen Hoheitszeichen, Fahnen und uniformierten Formationen ordneten sie vielmehr der politischen Bildsprache des Regimes unter. Der repräsentative Sitz der Stadtverwaltung wurde zur Kulisse einer inszenierten Gemeinschaft, der NSDAP, im Staat, der Wehrmacht und der Bevölkerung scheinbar geschlossen zusammenstanden.
Das Foto allein verrät nicht, wer die Szene vor dem Rathaus plante oder welche Handlungen dort stattfanden. Es hält jedoch fest, welche Wirkung erzeugt werden sollte: Aus vielen einzelnen Opfern wurde eine geschlossene Gruppe von Toten, deren öffentliches Gedenken von nationalsozialistischen Symbolen beherrscht wurde.
Die Aufstellung vor dem Rathaus war eine Station zwischen der Bergung der Toten und der offiziellen Trauerfeier auf dem Sennefriedhof. Ein weiteres Foto zeigt den Weg zum Sennefriedhof, wo sich die politische Deutung der Toten in Reden, militärischen Ritualen und der eigentlichen Beisetzung fortsetzte.
Spur aufgenommen und Recherche
Dimitrios Pafliotis
Universität Bielefeld
- Kühne, Hans-Jörg, Der Tag, an dem Bielefeld unterging. 30. September 1944, Gudensberg-Gleichen 2003
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 101,012/Geschäftsstelle des Oberbürgermeisters, Nr. 791
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 285
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 47: Westfälische Neueste Nachrichten vom 5. Oktober 1944. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 47: Westfälische Neueste Nachrichten vom 7./8. Oktober 1944. URL