Schibognia Progowig wurde am 31. Juli 1925 in Donezk, damals noch Stalino, in der damaligen sowjetischen Ukraine geboren. In deutschen Unterlagen wurde sie teilweise als "Russe" geführt, was kein Einzelfall war, denn eine verallgemeinernde Rassenideologie gegenüber Ostarbeiterinnen und Ostarbeitern war oftmals Alltag für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Deutschen Reich:
"Der Status ‚Ukrainer‘ kam im Deutschen Reich nur denjenigen Arbeitskräften aus der Ukraine zu, die aus dem Generalgouvernement [...] stammten. [...] Alle übrigen Ukrainer aus den ehemals sowjetischen Gebieten galten als ‚Ostarbeiter‘ und blieben bis heute vielen Zeitzeugen als ‚Russen‘ in Erinnerung." (Knoll u.a. 2004, S. 125.)
Leben und Arbeit in Bielefeld
Schibognia kam ohne ihre Familie nach Deutschland. Ihr Vater war bereits verstorben und ihre Mutter lebte weiterhin in der Nähe ihrer Heimatstadt. Ihre Schwester, deren Name und Anschrift unbekannt sind, wurde in Österreich zur Zwangsarbeit eingesetzt. Spätestens seit April 1942 musste sie in Bielefeld Zwangsarbeit leisten, denn von da an wurde sie auf dem Hof des Bauern Gustav Sundermann in Babenhausen (Dornberg), eingesetzt. Es existieren nur wenige Hinweise, die Einblicke in ihre Arbeit verschaffen. "Sie und auch Nachbarkameraden von ihr haben bisher nie geklagt, daß es ihr bei Sundermann nicht gefallen habe. Dieses hat sie mir persönlich bei Kontrollen auch selbst gesagt", heißt es in dem Polizeibericht. Dies sagt allerdings nur wenig über ihre Lebensrealität und ihren Alltag aus. Andere ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die in Briefen ihre persönlichen Erfahrungen aufarbeiteten, beklagten mangelhafte medizinische Verpflegung und waren Beleidigungen, Erniedrigungen und persönlichen Einschränkungen ausgesetzt. Trotz ihrer Lebensbedingung als Zwangsarbeiterin schloss Schibognia auch Freundschaften, feierte und führte Liebesbeziehungen.
Schibognias Schicksal
Am Sonntagabend, dem 3. September 1944, besuchte Schibognia ihre Freundin Maria Konraschkina, die ebenfalls als Zwangsarbeiterin in Babenhausen lebte und ihren Geburtstag feierte. Mehrere „Ostarbeiterinnen und Ostarbeiter“, die in den Berichten auch „Polen“ genannt wurden, sowie ein französischer Zwangsarbeiter namens Jacquot/Jacquet Francois/Franzois, der ebenfalls bei Sundermann arbeitete, besuchten Marias Geburtstagsparty. Sie tranken Bier, Limonade und selbstgebrannten Schnaps. Versuche für kurze Zeit dem Alltag zu entfliehen. Nach etwa zwei Stunden wurde Schibognia gemeinsam mit einer weiteren Zwangsarbeiterin nach Hause begleitet, kehrte gegen 18:30 Uhr auf den Hof zurück und erledigte noch restliche Arbeit. Laut Francois/Franzois schimpfte sie währenddessen vor sich hin, jedoch verstand er sie nicht. Anschließend ging sie ohne Abendessen in ihr Zimmer. Das war das letzte Mal, dass sie lebend gesehen wurde.
Am darauffolgenden Morgen des 4. September 1944 reagierte Schibognia nicht auf Weckversuche, woraufhin ihre Tür gewaltsam geöffnet wurde und man sie erhängt an ihrer Garderobe auffand. Ärztliche Unterlagen bestätigten Selbstmord durch Erhängen. Laut Francois/Franzois hatte Schibognia bereits zuvor gesagt, sie wolle sich das Leben nehmen, denn ihr Partner, ein Mann, der in Siegen lebte und dessen Name unbekannt ist, beendete ihre Beziehung und Schibognia litt unter Liebeskummer. Sie wurde nur 19 Jahre alt. Schibognia Progowig wurde nach ihrem Tod nicht in die Ukraine zu ihrer Familie überführt, sondern am 7. September 1944 auf dem Amtsfriedhof Kirchdornberg (Am Blankenstein 9) in Bielefeld beigesetzt, wo ihr Grab bis heute gepflegt wird.
Spur aufgenommen und Recherche
Feline Riechmann
Universität Bielefeld
Das Schicksal von Schibognia zeigt, dass Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter nicht nur Opfer eines ausbeuterischen Systems waren, sondern Menschen, die in extremer Unterdrückung nach Liebe und Normalität strebten.
- Glaunig, Christine / Lieser, Helga / Fröhlich, Uta, Alltag Zwangsarbeit 1938-1945, Berlin 2013
- Knoll, Harald / Pirnath, Peter / Ruggenthaler, Peter / Wonisch, Arno, „Anwerbung“ und Verschleppung
ziviler Zwangsarbeiter, in: Karner, Stefan / Ruggenthaler, Peter, Zwangsarbeit in der Land- und
Forstwirtschaft auf dem Gebiet Österreichs 1939 bis 1945 (Zwangsarbeit auf dem Gebiet der Republik Österreich, Teil 2), Wien/München 2004, S. 90-215 - Kühne, Hans-Jörg, Kriegsbeute Arbeit. Der „Fremdarbeitereinsatz“ in der Bielefelder Wirtschaft in
Ostwestfalen und Lippe 1939-1945 (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 17), Bielefeld 2002
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,003/Amt Dornberg, Nr. 2014
- Stadtarchiv Bielefeld, Best. 300,7/Kleine Erwerbungen, Nr.1339