Beamte als Täter
Staatliche Beamte gehörten im Nationalsozialismus zu den wichtigsten Tätergruppen. Ohne sie wäre weder der systematische Raub jüdischen Eigentums (Unternehmen, Kapitalbesitz, Grundstücke, Edelmetalle, Schmuck, Kunstwerke, Hausrat usw.), noch die systematische Deportation und Ermordung von Millionen Jüdinnen und Juden möglich gewesen. Viele Beamten waren vielleicht keine flammenden Anhänger Adolf Hitlers, waren politisch eher nationalkonservativ, aber sie erledigten im Nationalsozialismus ihre Ausschluss- und Vernichtungsarbeit ohne kritisches Bewusstsein für das Unrecht der Regeln, die ihren bürokratischen Alltag bestimmten. In der Bielefelder Stadtverwaltung gehörte zu diesen Beamten Wilhelm Lange.
Karriere in der Verwaltung
Geboren 1888 in Halle/Westfalen, kam Wilhelm Lange nach dortigen Lehrjahren in der Steuerabteilung des Landratsamtes 1906 zur Bielefelder Stadtverwaltung und war fortan in verschiedenen Ämtern mit Abrechnungs-, Kassen- und Steuerfragen befasst. Seit 1914 verbeamtet und regulär befördert, stieg er 1924 zum Stadtoberinspektor und 1942 zum Stadtamtmann auf. Von der Teilnahme an beiden Weltkriegen wurde Lange wegen erklärter „Unabkömmlichkeit“ für die Stadtverwaltung freigestellt – in den Krieg wurden stattdessen andere Verwaltungsmitarbeiter geschickt.
Aktive Mitarbeit an der Entrechtung und Beraubung von Juden
Wie zahlreiche andere Beamte hatte auch Lange seinen ersten Amtseid noch auf die preußische Monarchie geleistet, einen zweiten, vermutlich weniger willkommenen, auf die Weimarer Verfassung, bevor er sich 1934 schließlich auf "den Führer" vereidigen ließ. Kurz nachdem er am 1. Oktober 1933 zum Abteilungsvorsteher des Steueramtes der Stadt Bielefeld aufgestiegen war, trat er am 1. November 1933 der SA bei und wurde 1937 auch NSDAP-Mitglied.
- 1935/36 war Lange aktiv an der Aussonderung von Jüdinnen und Juden aus dem Bielefelder Wählerverzeichnis beteiligt, machte konkrete Vorschläge zum Verfahren.
- Im Januar 1938 koordinierte er im Namen des Oberbürgermeisters einen Verwaltungsumlauf an die städtischen Amtsleiter, wonach „Käufe bei Juden“, auch solche der Ehefrauen, Entlassung aus dem Dienst zur Folge haben würden.
- Lange war seit 1938 mit allen Fragen der Genehmigung von Verkäufen („Zwangsarisierungen“) sogenannter „jüdischer Gewerbebetriebe“ befasst und bereitete entsprechende Entscheidungen für das Regierungspräsidium in Minden vor.
- Auch die letzten Listen zur „Liquidierung“ noch verbliebener Betriebe tragen 1939 Langes Handschrift.
1945 wurde Wilhelm Lange auf Veranlassung der britischen Militärbehörden aus dem städtischen Dienst entlassen – nicht wegen der genannten Aktivitäten gegen Jüdinnen und Juden, sondern wegen seiner NSDAP- und SA-Mitgliedschaft ("SA-Scharführer, aktiver Nazi").
Im Verfahren der Entnazifizierung wurde Lange zunächst als „minderbelastet“ (Stufe III) eingestuft, seine Pension daher gekürzt. Dieser Einstufung widersprach er, vermutlich schon wegen der damit verbundenen finanziellen Einbußen. Er hatte Erfolg und wurde "entlastet" (Stufe IV). Er hatte damit Anspruch auf eine ungekürzte Beamtenpension. Zur Begründung hieß es:
"Der Entnazifizierungs-Berufungsausschuss hat die Pension auf 100% festgesetzt, weil der Beschwerdeführer [Lange] weder auf Grund seiner Verbindung zum Nationalsozialismus eingestellt worden ist, noch Handlungen begangen hat, die beamtenrechtlich seine Entlassung aus dem Dienst zur Folge haben könnten und kein Grund vorliegt, von der Möglichkeit der Pensionskürzung Gebrauch zu machen."
Keine Reue, keine Scham, nirgends…
Die Entlastung von zuvor als Tätern belasteten Beamten ist häufig damit erklärt worden, dass der Wiederaufbau nach dem Krieg erfahrene Beamte für eine funktionsfähige Verwaltung erforderte. Vermutlich deshalb gab es auch Stimmen, von der Entlassung Langes abzusehen, ihm lediglich eine geringerwertige Stelle – als Stadtoberinspektor im Ernährungsamt – zu geben. Wilhelm Lange aber ließ sich 1948 vorzeitig in den Ruhestand versetzen ("ich fühle mich nicht mehr dienstfähig").
Als Lange 1968 starb, ließ der amtierende Oberstadtdirektor einen Kranz mit Schleife an seinem Grab niederlegen. Die Ehefrau von Wilhelm Lange schrieb dem Oberstadtdirektor zum Dank und formulierte, dass "mein Mann der Stadt Bielefeld ein pflichtbewusster Beamter war. Dem Publikum gegenüber war er stets freundlich und hilfsbereit. Darauf bin ich heute noch stolz…".
Spur aufgenommen und Recherche
Veronika Tacke
Geschichtswerkstatt der VHS Bielefeld, Universität Bielefeld
- Barkai, Avraham, Vom Boykott zur „Entjudung“. Der wirtschaftliche Existenzkampf der Juden im Dritten Reich. 1933-1943, Frankfurt a.M. 1987
- Herbert, Ulrich, Wer waren die Nationalsozialisten? Sonderausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung, München 2021
- Raul Hilberg, Die Vernichtung der europäischen Juden, ergänzte Neuausgabe, Frankfurt a.M. 2023 (zuerst Chicago 1961)
- Stengel, Katharina (Hrsg.), Vor der Vernichtung. Die staatliche Enteignung der Juden im Nationalsozialismus. Frankfurt a.M. 2007
- Landesarchiv NRW Abteilung Ostwestfalen-Lippe, M 1 I P / Regierung Minden, Polizeiwesen, Nr. 1466, 1545
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 281
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 1131, Bd. 1 u. 2
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 105,4/Steueramt, Nr. 10