Vom 14. bis 17. Juni 1939 fand die sogenannte „Reichsfahrt der Alten Garde“ der NSDAP durch den Gau Westfalen-Nord statt. Die „Alte Garde“ bezeichnete jene Parteimitglieder, die bereits vor der Machtübernahme Adolf Hitlers im Jahr 1933 zur NSDAP gehört hatten. Sie galten innerhalb der Partei als besonders verdiente Anhänger und wurden öffentlich geehrt.
Bielefeld spielte bei dieser Veranstaltung eine wichtige Rolle. Bereits Monate vor dem Besuch begannen umfangreiche Vorbereitungen. Aus den erhaltenen Akten geht hervor, dass die Stadtverwaltung, z.B. der Oberbürgermeister und auch der Oberbaurat Bielefelds, eng mit den Parteiorganisationen zusammenarbeitete. Zahlreiche Schreiben dokumentieren die Planung der Feierlichkeiten und zeigen, wie öffentliche Räume für politische Propaganda genutzt wurden, wie auch das damalig neu erbaute Horst-Wessel-Denkmal.
Nationalsozialistisch geschmücktes Bielefeld
Ein wichtiger Bestandteil der Vorbereitungen war die Ausschmückung der Stadt. Mehrere Firmen übersandten der Stadtverwaltung Angebote für große Hakenkreuzfahnen in verschiedenen Größen. Außerdem wurden Fahnenstangen bestellt, um die Straßen entlang der geplanten Fahrtroute zu schmücken. Die Verantwortlichen legten großen Wert auf ein einheitliches und beeindruckendes Erscheinungsbild Bielefelds.
Neben der Beflaggung sollte auch eine besondere Beleuchtung wichtiger Bauwerke erfolgen. In einem Kostenplan wurden unter anderem die Sparrenburg, das Alte Rathaus, das Neue Rathaus, die Türme der Neustädter Kirche sowie der Leineweberbrunnen aufgeführt. Durch den Einsatz von Flutlichtanlagen sollten diese Gebäude während der Veranstaltung besonders hervorgehoben werden. Allein für die geplanten Beleuchtungsmaßnahmen wurden Kosten von mehreren tausend Reichsmark veranschlagt.
Inszenierung der Nationalsozialisten
Die Feierlichkeiten dienten nicht nur der Unterhaltung der Besucher. Ziel war es vor allem, die nationalsozialistische Herrschaft öffentlich zu präsentieren und die Bevölkerung für die Ideologie des Regimes zu gewinnen. In einem Schreiben der Gauleitung wird ausdrücklich gefordert, dass die beteiligten Städte und Kreise das „wahre Gesicht der Landschaft“ zeigen sollten. Die Veranstaltung sollte damit die Verbundenheit zwischen Partei, Staat und Bevölkerung demonstrieren.
Ein Höhepunkt des ersten Tages der Feier am 14. Juni 1939 waren die Feierstunden am Kesselbrink und in der Rudolf-Oetker-Halle. Zusätzlich fanden öffentliche Kundgebungen statt, bei denen die Teilnehmer der „Alten Garde“ als Vorbilder dargestellt wurden. Die Stadt wurde für mehrere Tage zur Bühne nationalsozialistischer Selbstdarstellung.
Die überlieferten Akten ermöglichen heute einen Einblick in die Organisation solcher Propagandaveranstaltungen. Sie zeigen, wie eng kommunale Behörden und die NSDAP zusammenarbeiteten und welchen finanziellen sowie organisatorischen Aufwand die Inszenierung politischer Großveranstaltungen erforderte. Somit wird deutlich, dass nationalsozialistische Propaganda nicht nur in Berlin stattfand, sondern auch das öffentliche Leben in Städten wie Bielefeld prägte.
Spur aufgenommen und Recherche
Nick Buterus, Musab Demir, Niklas Kamm
Rudolf Rempel Berufskolleg
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,2/Hauptamt, Nr. 262
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,2/Magistratsbauamt, Nr. 67
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 210,44/Westfälische Neueste Nachrichten, Zeitungsverlag, Nr. 108
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 250,1/NSDAP, Nr. 46