Der Schlosser Julius Dressen wird am 17. Mai 1944 im Unternehmen Dürkopp von der Gestapo verhaftet und nach langer Untersuchungshaft vom Volksgerichtshof wegen „Verbreiten von Feindnachrichten“ verurteilt. Die Rote Armee befreit ihn aus dem Zuchthaus Brandenburg-Görden. Er verschwindet auf dem Fußmarsch von Brandenburg nach Bielefeld.
Wer war Julius Dressen?
Julian Dressen ist geboren am 14.Oktober 1881 in Hombourg/Belgien. Zur Zeit des Ersten Weltkrieges sei er in Berlin interniert gewesen. Sein Urenkel Bernd Lüke sagt:
„Mein Vater hat immer erzählt, dass er [Julius Dressen] in den 1900er Jahren nach Deutschland gekommen ist und bei Dürkopp gearbeitet hat. Anscheinend war Julius Bruder Louis damals Handelsvertreter für Dürkopp in Belgien und hat ihm den Job vermittelt. Louis ist übrigens dann mit seiner Familie in den Kongo gegangen. Die Mutter der beiden, Elise, lebte zur Zeit des Ersten Weltkriegs bei ihrem Bruder in Paris. Könnte mir auch vorstellen, dass er deswegen interniert war.“
Julius Dressen ist katholisch, bis 1933 Mitglied der SPD und in der Gewerkschaft Deutscher Metallarbeiterverband (DMV). Mit seiner Frau Anna hat er vier Kinder: Hilda, Paul, Maria (Mia) und Gerda. Der gelernte Schlosser arbeitet von 16. Juni 1927 bis 17. Mai 1944 bei Dürkopp als Werkzeugmacher und ist zuletzt als Magazinverwalter tätig.
Julius Dressen wird am 17. Mai 1944 bei Dürkopp verhaftet. Die Widerstandsgruppen bei Dürkopp und Benteler werden 1943/1944 zerschlagen. Zwölf Bielefelder wurden im September 1944 mit dem Fallbeil in Dortmund hingerichtet. Inwieweit Julius Dressen einen direkten Kontakt zu ihnen hatte, ist nicht bekannt Im Bielefelder Polizeigefängnis, Turnerstraße, wird er gefoltert, „das ganze Gesicht sei kaputt gewesen“ (Ehefrau Anna Dressen). Sie sagt auch aus, er sei nicht politisch aktiv gewesen und habe sich nur um das Schicksal ihres Sohnes erkundigen wollen, der in Stalingrad kämpfte. Dies ist sicherlich eine Schutzbehauptung, um ihrem Mann zu unterstützen! Nach langer Untersuchungshaft wird er am 30. Januar 1945 vom Volksgerichtshof in Potsdam zu vier Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurteilt. Sein Urteil lautet: „Hochverrat“, Straftatbestand: „Verbreiten von Feindnachrichten“. Die Strafe tritt er zunächst im Zuchthaus Coswig (Anhalt) an und wird dann nach Brandenburg-Görden verlegt. Dort werden politische Gefangene am 29. April 1945 von der Roten Armee befreit. Auf dem Fußweg nach Bielefeld ist er verschollen.
Zuletzt wird er am 3. Mai 1945 gesehen. Zeuge Gustav Kley sagt aus: Dressen habe gesagt, er wolle zu Fuß nach Bielefeld gehen. Er sei hinfällig gewesen. Kley habe ihn gewarnt: Die Elbbrücken seien zerstört. Danach wurde er nicht mehr gesehen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Brandenburg/Sachsen keine militärischen Auseinandersetzungen mehr.
„Julius Dressen muss aber über die Altmark. Bei Tangermünde/Schönhausen/Fischbeck gab es noch bis zum 7. Mai Kampfhandlungen zwischen der Roten Armee und der Armee Wenck, die versuchte zu den US-Truppen am westlichen Elbufer zu gelangen.“ (Bernd Lüke)
Der Zeuge Kley vermutet, dass er gewaltsam zu Tode gekommen sei oder aber aufgrund seiner Gesundheit eines natürlichen Todes gestorben sei. Er wird später von seiner Frau als für Tod erklärt und sein Tod wird auf den 8.Mai 1945 festgesetzt.
Warum wird vermutet, er sei gewaltsam umgekommen?
Die Lage nach dem Tag der Befreiung am 8. Mai 1945 ist katastrophal: Millionen Menschen sind auf der Flucht - Schätzungen gehen weit auseinander - 6,5 bis 12 Millionen Menschen. Sie suchen eine Bleibe und irren umher (Displaced Persons: ehemalige ZwangsarbeiterInnen, Befreite aus den Konzentrationslagern und Gefängnissen, Flüchtlinge aus dem Osten, Vertriebene etc.).
Unterkünfte sind nicht vorhanden, Menschen hungern, Lebensmittel gibt es kaum, an medizinischer Hilfe ist nicht zu denken. Es ist ein Kampf ums Überleben. Gewalt ist alltäglich. Existenznot führt zu kriminellen Handlungen, zivile Strukturen sind zerstört. Es herrscht eine extreme Armut. Der Mangel an Grundversorgung (Wohnraum, Nahrung, Heizmaterial) führt auch zu kriminellen Taten. Traumata des Krieges und anhaltende Gewalt belastet viele Menschen. Waffen befinden sich im Umlauf, was die Hemmschwelle für Gewalttaten senkt. Welche Chance hat ein entkräftigter Häftling? Medizinische Versorgung gibt es nicht. Julius Dressen ist nie in Bielefeld angekommen. Seine Frau Anne habe dann in der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) gearbeitet. Ist dies ein Hinweis auf ihren Widerstand vor 1945?
„Das glaub ich nicht. Ich glaube schon, dass die Erfahrungen im Krieg – Sohn vermisst, Mann gefoltert und eingesperrt – sie zu einer überzeugten NS-Feindin gemacht haben. Das sie vor der Befreiung aber schon Widerstand geleistet hat, glaube ich nicht – musste sie doch auch an ihre Restfamilie denken und die schützen. Dafür spricht auch, dass sie noch nach der Befreiung daran festhielt, ihrem Mann sei es nur um Informationen über das Schicksal des Sohnes gegangen.“ (Bernd Lüke)
Spur aufgenommen und Recherche
Willi Aders-Zimmermann
Arbeitskreis Bielefelder Arbeiter und Arbeiterinnen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus
- Königseder, Angelika / Wetzel, Juliane, Lebensmut im Wartesaal. Die jüdischen DPs (Displaced Persons) im Nachkriegsdeutschland, Frankfurt am Main 1994
- Gespräch mit Bernd Lüke, (Urenkel) - (unveröffentlicht)
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,003/Wiedergutmachung Stadt, Nr. A 44
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,003/Wiedergutmachung Stadt, Nr. A 45