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Gertrud Niessen verfolgt, nicht verfolgt

27. Dezember 1944
Detmolder Straße 66, 33604 Bielefeld

Gertrud Niessen, geborene Goder am 31. August 1897 in Neuss am Rhein, wurde von der Gestapo nach einem Haftbefehl am 27. Dezember 1944 festgenommen. Ihr wurden Vergehen gegen das „Heimtückegesetz“ vorgeworfen.

Der ehemalige HJ-Führer und Offiziersanwärter Karl-Heinrich („Karl Heinz“) Egidi, ein Freund und Mitschüler des Sohnes Hermann, der auch in der Wehrmacht war, meldete sie an die Gestapo, nachdem sie sich vor ihm negativ über die Kriegsführung und Adolf Hitler („Schwein, das nutzlos Menschen opfere“) geäußert hatte. Sie wurde am 21. Dezember 1944 von der Gestapo verhört und leugnete die ihr vorgeworfenen Aussagen vor dem Beamten nicht. Der Beamte setzte die sich aus dem Verhör ergebende Verhaftung auf den 27. Dezember 1944 an, um sie nicht von ihrer Tochter über die Weihnachtsfeiertage zu trennen. Sie wurde daraufhin wenige Tage später am 27. Dezember 1944 aus ihrer Wohnung in der Detmolder Straße 66, abgeführt.

Ehemann und NSDAP-Mitglied Dr. Eugen Niessen und Sohn Hermann wurden in Folge ihrer Verhaftung von der Wehrmacht suspendiert. Ihre Tochter Karla musste allein in der Bielefelder Wohnung zurückgelassen werden und ist nachträglich von Verwandten betreut und in Obhut genommen worden. Ihr Sohn Hermann war zu dem Zeitpunkt 19 Jahre und ihre Tochter Karla war 14 Jahre alt. Den Ernst der Lage vermittelt die Tatsache, dass die Strafakte zur weiteren Bearbeitung an den Volksgerichtshof in Berlin übermittelt wurde. Zu einer offiziellen Anklage kam es bis Kriegsende nicht mehr.

Gertrud Niessen wurde befreit, als die Alliierten etwa vier Monate nach ihrer Verhaftung Bielefeld einnahmen. Nachträglich wurde sie als politisch Verfolgte anerkannt, jedoch wurde ihr dieser Status wieder abgesprochen. Sie klagte anschließend, dass sie wieder als politisch Verfolgte gelten sollte. Diese Anerkennung hätte ihr einen Anspruch auf Wiedergutmachung gegeben.

Nach einem hin und her der Rechtsprechung wurde Gertrud Niessen schlussendlich nicht als politisch Verfolgte anerkannt. Als Hauptargument wurden die familiäre Verbindung und der damit verbundene alltägliche Verkehr in NS-Kreisen ins Feld geführt. Auch Leumundszeugnisse unter anderem der katholischen St. Jodokus-Gemeinde, welche die regimekritische Einstellung der Eheleute Niessen belegen sollten, halfen nicht. Der Denunziant Egidi wurde 1948 aufgrund dieser Sache wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. 

Spur aufgenommen und Recherche
Tom-Benjamin Bergmann, Sinuel Kimmel (Erstversion als PDF)
Rudolf-Rempel-Berufskolleg

Ergänzende Recherchen
Helmut Henschel, B.A.
Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld

Veröffentlicht am 15. Dezember 2025 und aktualisiert am 10. Juli 2026

  • Stadtarchiv Bielefeld 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt Nr. A 171
  • Stadtarchiv Bielefeld 150,10/Helmholtzgymnasium Nr. 123
  • Stadtarchiv Bielefeld 200,144/Nachlass Editha Froböse Nr. 1
  • Stadtarchiv Bielefeld 300,7/Kleine Erwerbungen Nr. 1126

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