"Ergreifung" und Konsolidierung der Macht
Nach der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 kam es deutschlandweit zu Umstrukturierungen auf allen politischen Ebenen. Auch in Brackwede, damals eine eigenständige Stadt im Kreis Bielefeld, übernahmen Regimetreue Personen wichtige Posten in der Verwaltung. Zwar gelang es der Brackweder SPD sowohl bei der Reichstagswahl am 5. März als auch bei der Kommunalwahl am 12. März 1933 noch einmal mit Abstand stärkste Kraft zu werden, doch wurde am 15. Oktober der Nationalsozialist Heinrich Stender zum Amtsbürgermeister ernannt. Als dieser 1938 aus dem Amt schied, wurde Johann Christian Heinrich Richard Meyer neuer Amtsbürgermeister des Amtes Brackwede.
Parteikarriere
Richard Meyer wurde 1906 in Münchberg (Bayern) als Sohn von Anna und Georg Meyer geboren. Bereits 1926 trat er im Alter von 20 Jahren der NSDAP sowie der SA bei. Mit der Mitgliedsnummer 49346 gehörte er zu den ersten 50.000 Mitgliedern und fiel schnell durch großes Engagement auf. In der Zeit bis 1933 sollte er arbeitslos, unzählige Male straffällig und dabei mutmaßlich zweimal schwer sowie diverse male leicht verletzt werden. In dieser Zeit wurde er Kreisleiter, SA-Sturmführer und Gauredner. Für seine Verdienste als sogenannter „Alter Kämpfer“ wurde er in einer Sonderverleihung durch Führerauftrag (F.A.I. – Führerauftrag der Inspektion) mit dem goldenen Parteiabzeichen ausgezeichnet. Höchstwahrscheinlich aufgrund dieser Verdienste wurde Meyer am 27. Mai 1938 zum Amtsbürgermeister des Amtes Brackwede ernannt.
„Arisierung“ in Brackwede
Im Jahr von Meyers Amtsübernahme intensivierten sich die Maßnahmen gegen die jüdische Bevölkerung. 1938 wurde gerade von staatlicher Seite die Erreichung des Ziels der „Entjudung der deutschen Wirtschaft“ forciert.
In Meyers Amtszeit fallen zwei Arisierungsfälle in Brackwede. Zum einen der Fall des Manufaktur- und Modewarengeschäftes Moritz Wisbrun und zum anderen der Fall des Handelsvertreters Wilhelm Meyer. Als zuständige Verwaltungseinheit überwachte Meyers Amt die Arisierungsvorgänge und erstattete an die übergeordneten Stellen Bericht. Richard Meyer unterstützte die Maßnahmen sogar sehr konkret, indem er sich im Fall Wisbrun aktiv in den Arisierungsprozess einmischte. Er setzte sich persönlich für den „Arisierer“ Albert Klöpping ein, indem er sowohl dem zuständigen Landrat als auch dem Regierungspräsidenten Klöppings Vorhaben empfahl. Am 6. September 1940 vermeldet er schließlich seinem vorgesetzten Landrat stolz: „In meinem Amtsbezirk ist die Entjudung der gewerblichen Wirtschaft restlos durchgeführt.“
Letzte Jahre
Mit der Stellung als Amtsbürgermeister war die Spitze seiner politischen Laufbahn erreicht. Seine nationalsozialistische Musterkarriere sollte sich mit der Einberufung zum Kriegsdienst am 16. Dezember 1940 fortsetzen und mit seinem Tod an der Ostfront am 27. August 1944 ihr Ende finden.
Richard Meyer war ein überzeugter Nationalsozialist der ersten Stunde. Für seinen „Einsatz“ in den frühen Tagen der Bewegung wurde er schließlich 1938 mit einer hohen Verwaltungsposition belohnt, aber schon zwei Jahre später zum Kriegsdienst eingezogen und letztlich an der Ostfront in den Tod geschickt.
Spur aufgenommen und Recherche
Jonathan Wilhelm
Universität Bielefeld
- Bajohr, Frank. “Arisierung“ als gesellschaftlicher Prozeß: Verhalten, Strategien und Handlungsspielräume jüdischer Eigentümer und “arischer“ Erwerber, in: Wojak, Irmtrud / Hayes, Peter (Hrsg.), “Arisierung“ im Nationalsozialismus. Volksgemeinschaft, Raub und Gedächtnis, Frankfurt a.M. 2000, S. 7-30
- Beckmann, Karl, Hermann Bitter – nationalsozialistischer Bürgermeister der Gemeinde Brackwede. Eine biographische Skizze, in: Brackweder Heimatblätter (2017), S. 5-27
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 103,4/Personalakten, Nr. D 1240
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,2/Amt und Stadt Brackwede, Nr. 3213