Ilse Hamlet: „Osten (Umsiedlung)”

Meldekarte von Ilse Hamlet
Meldekartei der Stadt Bielefeld für Ilse Hamlet. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.
Meldekarte für Ilse Hamlet (Rückseite)
Meldekartei der Stadt Bielefeld für Ilse Hamlet (Rückseite). Als Zielort der Abmeldung ist lapidar „Osten (Umsiedlung)“ vermerkt – ein Euphemismus für die Deportation in das Ghetto von Riga. Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.
13. Dezember 1941
Rathausstraße 1, 33602 Bielefeld

Im Zweiten Weltkrieg wurden viele Familien auseinandergerissen. Die jüdische Familie Hamlet ist hierfür nur ein Beispiel unter Tausenden. Berta und Louis Hamlet hatten eine große Familie. Sie lebten in Schötmar – damals noch eine selbständige Stadt, heute ein Stadtteil von Bad Salzuflen. Ruth, eine der Töchter der Familie, erinnert sich später: „Acht Kinder waren wir zu Hause, vier große und vier kleine und alle von den gleichen Eltern“ (Decker, Heimweh 2007, S. 61).

Eine der Töchter war Ilse. Sie war Pflegerin von Beruf. Sie zog, vermutlich nicht freiwillig, im Alter von 43 Jahren am 18. Januar 1940 nach Bielefeld in die Rathausstraße 1. Sie konnte sich Bielefeld nicht zu ihrer neuen Heimat machen: Keine zwei Jahre später, am 13. Dezember 1941, wurde sie zusammen mit den anderen Bielefelder Juden nach Riga deportiert. Die Meldekartei der Stadt Bielefeld vermerkt als Zielort lapidar: „Osten (Umsiedlung)“. Else kam in das Ghetto Riga und von dort 1943 in das Konzentrationslager Riga-Kaiserwald. Sie ist wohl im Zuge der sog. „Krebsaktion“ am 27. oder 28. Juli 1944 zusammen mit ihrer Schwester Hedwig und fast 4,000 anderen Juden ermordet worden.

Berta (1869-1942) und Louis (1856-1936) Hamlet mussten bereits im Ersten Weltkrieg (1914-1918) den Tod ihres Sohnes Karl mitansehen. Ein weiterer Sohn, Alfred, starb im Jahr 1930. Der Vater, Louis, starb 1936. Von den übrigen sieben starben vier im Holocaust (Else, Berta, Hedwig und Marta), während drei sich nach Amerika retten konnten (Ruth, Herbert und Ottilie).

Ruth berichtet von diesen Tagen:

Ich lebte in der Wohnung meiner Mutter (Brüderpfad 3) bis zur Auswanderung. Leider konnte sie nicht mit uns kommen und verlebte ihre letzten Tage im jüdischen Krankenhaus in Hannover. Meine Schwester (Marta) und ihr Mann wurden in Theresienstadt ermordet. Ich wanderte mit meiner Schwester (Tea), Schwager und zwei Söhnen und Bruder Herbert nach Cincinnati [USA] aus. … Sie sind alle nach Seattle übersiedelt und ich folgte ein paar Monate später.“ (Decker, Heimweh 2007, S. 62)

Ruth hatte also ihre damals 72jährige Mutter im von den Nationalsozialisten beherrschten Deutschland zurücklassen müssen. Sie ließ auch einige ihrer Geschwister zurück, von denen es eines nach Bielefeld verschlug – u.a. Elsa.

Lebte man, wie die Hamlets, etwa noch im Jahre 1936 zu neunt beisammen, so waren zehn Jahre später nur noch drei am Leben – und das fern von Zuhause in einem anderen Land.

Spur aufgenommen und Recherche
David Hecken
Landesarchiv Nordrhein Westfalen – Abteilung OWL

Literatur

  • Decker, Brigitte (Hrsg.) Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportiert: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 22) Bielefeld 2007.
  • Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985.
  • Schneider, Gertrude, Reise in den Tod. Deutsche Juden in Riga 1941-1944, Dülmen/Westf. 2008.

Quellen

  • Adreßbuch für den Stadt- und Landkreis Bielefeld 1940.
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958.
Veröffentlicht am und aktualisiert am 8. Dezember 2021

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