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Marija Lamanowa – Schwangerschaftsunterbrechung einer Ostarbeiterin in Bielefeld

19. Oktober 1943
Oelmühlenstraße 26, 33604 Bielefeld

Marija Lamanowa kam am 24. März 1922 in Selo Akimowska in der Region Kurskaja (Russland) zur Welt. Sie war verheiratet und gehörte dem griechisch-orthodoxen Glauben an. Im August 1942 wurde sie aus Kertsch nach Bielefeld gebracht und dort im Gemeinschaftslager unter der Adresse Holterstraße 32 (heute Brackweder Straße) registriert. In Bielefeld arbeitete sie als Hilfsarbeiterin in der Gärtnerei Sennefriedhof und trug das sogenannte Ostabzeichen. 

Aus der Krankenakte von Marija Lamanowa geht hervor, dass sie sich einem Schwangerschaftsabbruch unterzogen hat. Der Umgang mit Schwangerschaften von Zwangsarbeiterinnen war im nationalsozialistischen Deutschland Teil einer Bevölkerungspolitik, die rassistische Ideologie mit ökonomischen Interessen verband. Schwangerschaften galten bei dieser spezifischen Gruppe als unerwünscht und nicht als schützenswert. Die Lockerung des Abtreibungsverbots für als „rassisch minderwertig“ eingestufte Frauen erschien zudem aus kriegswirtschaftlicher Perspektive zweckmäßig. Zwar war formal die Zustimmung der Betroffenen vorgesehen, doch befanden sich insbesondere Ostarbeiterinnen häufig in einem Umfeld erheblichen Drucks durch Arbeitgeber, Lagerleitungen oder medizinische Stellen. 

Schwangerschaftsabbruch im Kontext nationalsozialistischer Zwangsarbeit

Eine Schwangerschaftsunterbrechung durfte erst nach Feststellung der Erforderlichkeit durch eine zuständige Gutachterstelle vorgenommen werden. In den Akten zu Marija Lamanowa ist die Entscheidung der Gutachterstelle vom 7. Oktober 1943 ebenso dokumentiert wie ihre Überweisung vom 16. Oktober 1943 aus dem Gemeinschaftslager für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Brackwede in das Städtische Krankenhaus Bielefeld (heute Oelmühlenstraße 26). Am 17. Oktober 1943 wurde die im zweiten Monat schwangere Marija Lamanowa stationär aufgenommen. Am 19. Oktober 1943 konnte man unter Narkose die im Krankenblatt als „Abtragung des Inhaltes“ bezeichnete Maßnahme vornehmen. Für den Eingriff ist eine verstärkte Blutung dokumentiert. Am 26. Oktober 1943 wurde Marija Lamanowa entlassen und ihr wurden drei Tage Schonung verordnet. Einem Anamnesebogen aus dem Zeitraum vom 20. November 1943 bis zum 27. November 1943 zufolge (etwa einen Monat nach dem Schwangerschaftsabbruch), litt sie seit etwa zwei Monaten unter Beschwerden und klagte über Schmerzen im Unterbauch. Organische Auffälligkeiten wurden nicht festgestellt, auch der Puls lag im Normalbereich, allerdings wurden ein Tumor und Schmerzen dokumentiert. Nach einer Kurzwellenbehandlung wurde sie am 27. November 1943 als arbeitsfähig zum Werke entlassen.

Medizinische und administrative Überlieferung

In den Beständen der AOK-Brackwede wurden zwei Karteikarten mit unterschiedlichen Daten geführt. Aus diesen Karteikarten gehen neben unterschiedlichen Arbeitgebern und Zeiträumen auch mehrere stationäre Aufenthalte und Leistungen hervor. Auffällig ist, dass unter den von der Krankenkasse dokumentierten Arbeitgebern nicht die „Bielefelder Hartsteinwerke K.-G. Brackwede“ aufgelistet sind, obwohl diese die Überweisung „zwecks Unterbrechung der Schwangerschaft“ ausstellten und zugleich in der Krankenakte des städtischen Krankenhauses dokumentiert sind. Weiterhin wurde auf dem Krankenbogen die Nationalität als „unbekannt“ eingetragen, während andere Unterlagen „Russland“ als Staatsangehörigkeit nennen. 

Ihre letzte Meldeadresse vom 29. April 1944 lautete „Quelle Nr. 9“ in Altenbeken. In dieser Zeit ist eine weitere Behandlung von Marija Lamanowa vom 7. bis 20. Oktober 1944 aufgrund einer Hautverletzung am Kopf, einer Nasenverletzung sowie einer Drainage im St. Franziskus-Hospital Bielefeld dokumentiert. Die genauen Hintergründe bleiben unklar. Ihre Spur endet mit dem Eintrag auf der Meldekarte „ins Lager“ am 27. August 1945.

Spur aufgenommen und Recherche
Paraskevi Tougiannidou
Universität Bielefeld

Veröffentlicht am 07. Oktober 2026

  • Hauch, Gabriella, Ostarbeiterinnen. Vergessene Frauen und Kinder, in: Mayerhofer, Fritz / Schuster, Walter (Hrsg.), Nationalsozialismus in Linz (Band 2), Linz 2001, S. 1271-1310
  • Reiter, Raimond, Tötungsstätten für ausländische Kinder im zweiten Weltkrieg: Zum Spannungsverhältnis von kriegswirtschaftlichem Arbeitseinsatz und nationalsozialistischer Rassenpolitik in Niedersachsen, Hannover 1993
  • Schwarze, Gisela Kinder, die nicht zählten. Ostarbeiterinnen und ihre Kinder im Zweiten Weltkrieg, Essen, 1997
  • Weinmann, Martin, Das nationalsozialistische Lagersystem (CCP). Catalogue of camps and prisons in Germany and German-occupied territories, Sept. 1st, 1939 – May 8th, 1945, Frankfurt am Main 1990

  • Adreßbuch der Stadt Bielefeld 1938 und 1940. URL
  • IST Digital Archive / Arolsen Archives, Durchführung der Alliiertenbefehle zur Erfassung von Ausländern und deutschen
    Verfolgten. Namentliche Aufstellung, St. Franziskus-Hospital, Bielefeld. DE IST 2.1.2.1 NW 009 9 UNB ZM
  • IST Digital Archive / Arolsen Archives, Gutachten zur Schwangerschaftsunterbrechung vom 12.10.1943. IST Digital Archive / Arolsen Archives, Kriegskarteikarte Marija Lamanowa, 02020201 oS. URL
  • IST Digital Archive / Arolsen Archives, Kriegszeitkartei (Melde- und Registrierkarten, Arbeitsbücher, individueller Schriftverkehr). Akte von Marija Lamanowa, 02020201 oS. URL
  • IST Digital Archive / Arolsen Archives, Kriegskarteikarte Marija Lamanowa, 02020201. URL
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 130,2/Amt Brackwede, Nr. 2189
  • Stadtler, Hans, Richtlinien für Schwangerschaftsunterbrechung und Unfruchtbarmachung aus gesundheitlichen Gründen (2. Auflage), München 1936. URL

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