Liesels Familie & Wohnort
Liesel Fischer, geborene Goldschmidt am 27. Januar 1927 in Bielefeld, ist mit einer älteren Schwester, Ilse Malkiel, geborene Goldschmidt am 29. April 1924 aufgewachsen. Ihre Eltern hießen Lisbeth Goldschmidt, geborene Sielmann, und Moritz gen. Max Goldschmidt. Anfangs wohnte Liesel in der Ulmenstraße 2, später in der Gerichtsstraße 5. Ihr Vater war selbstständiger Kaufmann. Sie hatten Herrenstoffe, Brautausstattung und nachher auch Stoffe für Damenoberbekleidung verkauft. Liesels Onkel, Josef Goldschmidt, hat genau das gleiche Geschäft betrieben.
Die Familie war oft im Wald spazieren und wanderten oft nach Olderdissen. Außerdem waren Liesel und ihre Schwester Mitglieder beim „HAZAIR MAKKABI“, ein jüdischer Pfadfinderbund.
Schulzeit/Probleme während der Schulzeit
Liesel hatte schon in jungen Jahren Ausgrenzung und Beschimpfung erlebt: Sie war gerade neun oder zehn Jahre alt gewesen, als sie das erste Mal als „Judensau“ beschimpft wurde. Später waren Liesel und ihre Schwester auf dem Nach-Hause-Weg von der Luisenschule in der Turnerstraße, als sie von Jungen verfolgt und beschimpft wurden. Sie suchten Schutz in einem Schreibwarengeschäft, bis sie sicher nach Hause gehen konnten. Da Liesel Jüdin war, wurde ihr der Eintritt zu Schwimmbädern, Kinos und anderen Einrichtungen verwehrt, wie sie berichtet.
Laut ihrer Aussage hielt sich die Verfolgung bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 jedoch in Grenzen.
9. November 1938 („Kristallnacht“)
Als Liesel gerade die Turnerstraße entlang zur Schule ging, bekam sie aus Gesprächen von Passanten mit, dass die „jüdische Kirche“ brenne. Das löste große Angst in ihr aus, jedoch wollte sie sich nicht auffällig verhalten. Sie bekam im Laufe des Tages auch mit, dass der Fleischerladen der Familie einer jüdischen Mitschülerin ausgeräumt und zertrümmert wurde. Daraufhin habe Liesels Vater sie mit dem Auto abgeholt – Liesel selbst bekam daraufhin einen Heulkrampf.
Ihr Vater wollte sich das Ganze von etwas näher anschauen und stellte das Auto in der Nebenstraße ab. Als er jedoch sah, wie sich alle Menschen über die Zerstörung und das Feuer freuten, bekam auch er Angst. Sie fuhren dann zu Onkel Josef in die Kaiserstraße 66 (heute: August-Bebel-Straße), um aus einem Fenster die brennende Kuppel der Synagoge zu sehen.
Liesel berichtet weiter, dass sie am 15. November 1938 in der Schule war und ein Zeugnis mit folgendem Vermerk erhalten habe: „Im Auftrag des Erziehungsministers aus der Schule entlassen“.
Damit endet Liesels Bericht jedoch nicht: Sie bekam später von einer Liste mit, auf der 36 Juden von ganz Bielefeld standen, die inhaftiert werden sollten. Liesels Vater und ihr Onkel Josef nahmen das Auto, um einer Inhaftierung zu entkommen. Sie fuhren nach Dortmund, ohne zu wissen, dass dort der Hass auf die Juden noch sehr viel größer gewesen sei als in Bielefeld. Sie wurden jedoch verhaftet und inhaftiert. Eine Woche später seien sie wieder freigelassen worden.
Nach der Novemberpogromnacht musste Lisels Vater das Haus und Auto zwangsverkaufen.
Flucht und Emigration
Angesichts der zunehmenden Verfolgung entschloss sich die Familie zur Auswanderung. Im Oktober 1939 gelang der Familie die Ausreise aus Bielefeld. Mit der Flucht gingen erhebliche materielle Verluste, da ein Großteil des Besitzes nicht mitgenommen werden konnte.
Neuanfang in Haifa, Palästina
In Palästina begann für Liesel und ihre Familie ein Leben unter schwierigen Bedingungen. Sprachbarrieren, wirtschaftliche Unsicherheiten und neue Lebensverhältnisse erschwerten die Integration. Liesel musste sich in einer Umgebung zurechtfinden, in der sie die Landsprache zunächst nicht verstand.
Sie hatte zwei Söhne und vier Enkelkinder - seit 1990 war sie Witwe. Einige ihrer Familienmitglieder, Onkel und Tanten, wurden umgebracht. Liesel war noch einige Male in Bielefeld zu Besuch, wo sie alte Bekannte traf.
Spur aufgenommen und Recherche
Media Sulaiman, Hannah Thielmann
Rudolf Rempel Berufskolleg
- Brigitte Decker (Hrsg.), Heimweh nach Bielefeld? Vertrieben oder deportieren: Kinder aus jüdischen Familien erinnern sich, Bielefeld 2007
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 18.: Meldekartei Bielefeld-Mitte, 1920-1958
- Stadtarchiv Bielefeld; 109,3/Amt für Wiedergutmachung Stadt; Nr. B 50