Das Berufsverbot
Die nationalsozialistische Judenverfolgung machte auch vor Musik und Theater keinen Halt. Noch in den 1920er-Jahren glänzte der Sänger Isidor „Karl“ Singer als Bass unter anderem im Singspiel „Dreimäderlhaus“ am Bielefelder Stadttheater. 1933 wurde dem Chorsänger und gelegentlichen Solisten im Zuge der Gleichschaltung gekündigt. Nur Angehörige der Reichstheaterkammer hatten das Recht, im Deutschen Reich in einem Theaterberuf tätig zu sein. Voraussetzung für die Mitgliedschaft war der Ariernachweis, alle jüdischen Schauspieler und Sänger waren von Theaterberufen ausgeschlossen.
Die Familie
Isidor Singer stammte aus Holíč in der heutigen Slowakei, er war dort am 21. Januar 1882 als fünftes von insgesamt sechs Geschwistern geboren. Seine Eltern waren Bernhard Singer und Netti, geborene Weiß. Die Mutter war Jüdin, der Vater „Halbjude“. Isidor Singers Religionszugehörigkeit wird auf einer behördlichen Karteikarte aus der Kriegszeitdatei Arolsen als evangelisch angegeben, auch sein jüngerer Bruder Arnold war evangelisch. Dennoch waren sie trotz Taufe für die Nationalsozialisten nach den Nürnberger Gesetzen „Volljuden“.
1921 erhielt Isidor Singer durch die Kreishauptmannschaft in Zwickau die deutsche Staatsbürgerschaft. Zwei Jahre zuvor war er in Plauen Vater geworden. Der Sohn Helmut Siegfried stammte aus seiner ersten, später geschiedenen Ehe mit Marie Martha Wötzel, geboren am 20. Juni 1887 in Plauen.
Die Zeit in Bielefeld
Im September 1924 zog Isidor Singer von Stettin nach Bielefeld und trat unter dem Namen „Karl Singer“ am Stadttheater auf. Im Februar 1925 zog er in eine Wohnung in der Herforder Straße 84, die er nach der Hochzeit am 23. April 1925 mit seiner zweiten Frau Gertrud, geborene Reinefeld, geboren am 25. Februar 1887, bewohnte.
Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP verlor er 1933 seine Anstellung als Chorsänger am Stadttheater. Womit er in den folgenden Jahren seinen Lebensunterhalt bestritt, ist unbekannt. Auf der behördlichen Karteikarte aus der Kriegszeitdatei Arolsen ist als Beruf „Invalide“ verzeichnet. Im Mai 1934 wurde ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt.
Nach dem Tod seiner Ehefrau im März 1939 sowie dem Erlass des Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden vom 30. April 1939 wurde er am 11. Oktober 1939 als Untermieter von Bernhard Scheiberg in die Erdgeschosswohnung des „Judenhauses“ in der Blumenstraße 18 einquartiert.
Die Flucht nach Shanghai
Isidor Singer gelang es, nach Schanghai auszureisen. Er verließ Bielefeld am 4. Mai 1940, am 6. Juni 1940 kam er in Shanghai an. Er ist also nicht, wie im Buch „Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45“ verzeichnet, in einem Vernichtungslager umgekommen, sondern hat das Ghetto in Schanghai überlebt, das die mit den Nationalsozialisten verbündeten Japaner eingerichtet hatten. 1947 bat er mit Hilfe der „Association of Refugees from Germany Schanghai“ um eine Zuzugsgenehmigung nach Bielefeld sowie um einen Anstellungsvertrag am Stadttheater. Beides wurde ihm mit Schreiben der Stadt Bielefeld im September 1947 im Hinblick auf die „angespannte Wohnraumlage“ und der „geringen Aussicht auf Wiedereinstellung am Stadttheater“ versagt. Die Rückkehr nach Bielefeld war für ihn daraufhin ausgeschlossen.
Der Lebensabend in Deutschland
Isidor Singer kehrte dennoch nach Deutschland zurück und lebte ab dem März 1948 in Berlin-Wittenau. Dort verstarb er am 25. September 1960 im Alter von 78 Jahren.
Spur aufgenommen und Recherche
Frauke Bokermann
Geschichtswerkstatt der VHS Bielefeld
- Minninger, Monika / Meynert, Joachim / Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld, 1985
- Arolsen Archives, 1.2.5.1 / 12852074 in conformity with ITS Digital Archive, Arolsen Archives
Gemeindelisten über jüdische Residenten in SK Bielefeld - Arolsen Archives, 0.1 / 36458347 in conformity with ITS Digital Archive, Arolsen Archives
DP 3 Karte - Arolsen Archives, 3.1.1.3 / 78797449 in conformity with ITS Digital Archive, Arolsen Archives,
Listen betreffend Personen, die in Shanghai lebten. - Arolsen Archives, 3.1.1.3 / 78797954 in conformity with ITS Digital Archive, Arolsen Archives
Registrierungen von ehemaligen Verfolgten in Asien - Auszug aus dem Geburtenprotokoll in Holíč für Isidor Singer, 1882: FamilySearch.org
- Auszug aus dem Hochzeitsregister des Standesamt Mannheim für Arnold Singer, 1911: FamilySearch.org
- Auszug aus dem Sterberegister des Standesamt Mannheim für Arnold Singer, 1943: FamilySearch.org
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,3/Einwohnermeldeamt, Nr. 1248
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 109,3/Wiedergutmachung Stadt, Nr. V 056
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 43: Volkswacht vom 30. März 1925. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 43: Volkswacht vom 12. Januar 1926. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 47: Westfälische Neueste Nachrichten vom 11. Januar 1926. URL
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 47: Westfälische Neueste Nachrichten vom 11. Januar 1926. URL
- Arolsen Archives, 03010101 23 147/Aufenthalts- und Emigrationsnachweise: Überlebendenkarte Isidor Singer
- Arolsen Archives, 02020201 oS/Kriegszeitkartei: Meldekarte Isidor Singer
- Arolsen Archives, 02020201 oS/Kriegszeitkartei: Meldekarte Isidor Singer
- Ariernachweis: Wikipedia.org [Stand: 6. April 2026]
- Berliner Adressbücher und Telefonverzeichnisse
- Singer, Isidor: ChinaFamilies.net
- Sterberegister Seite 110: Landesarchiv-Berlin.de