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Inszenierte Trauer auf dem Sennefriedhof

05. Oktober 1944
Brackweder Straße 80, 33647 Bielefeld

Eine kontrollierte Trauerfeier

In langen Reihen stehen zahlreiche mit Hakenkreuzflaggen bedeckte Särge auf dem Sennefriedhof. Zu beiden Seiten haben sich Uniformierte und weitere Teilnehmende aufgestellt. Im Hintergrund hängen große Hakenkreuzfahnen zwischen den Bäumen. Die Aufnahme zeigt die Beisetzung der Opfer des Luftangriffs vom 30. September 1944. Zugleich macht sie sichtbar, wie das NS-Regime die Beisetzung politisch inszenierte.

Die offizielle Trauerfeier fand am 5. Oktober 1944 um 16:00 Uhr auf dem Sennefriedhof statt. Zuvor waren die Särge vor dem Rathaus in der Innenstadt aufgestellt worden. Organisiert wurde sie von der NSDAP. Eine Ankündigung in den Westfälischen Neuesten Nachrichten erklärt, dass nicht alle Bielefelderinnen und Bielefelder teilnehmen könnten. Selbst die nächsten Angehörigen benötigten Einladungskarten, die sie bei den Geschäftsstellen der zuständigen NSDAP-Ortsgruppen abholen mussten. Für sie wurden Fahrgelegenheiten vom Oberntorwall eingerichtet und Sitzplätze auf dem Friedhof reserviert. Parteiformationen, Fahnenabordnungen und eine Ehrenkompanie der Wehrmacht sollten sich bereits um 15:30 Uhr am zweiten Eingang des Friedhofs versammeln. Die angekündigte gemeinsame Trauer der Stadtbevölkerung blieb damit organisatorisch und politisch kontrolliert.

Der Zeitungsbericht vom 7./8. Oktober beschreibt ein großes „Kameradengrab“, in dem die Särge nebeneinander aufgestellt waren. Ein einzelner Sarg war erhöht in der Mitte des Ehrenfeldes aufgebahrt und mit einer Hakenkreuzflagge bedeckt. Angehörige der Wehrmacht, der Politischen Leitung, der SA, des NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrkorps) und der Hitlerjugend hielten die Ehrenwache. Ein großes Eisernes Kreuz sollte als gemeinsames Zeichen für alle Toten stehen. Die nationalsozialistische Symbolik gab der Trauerfeier damit den Charakter eines militärischen Staatsaktes.

„Kämpft, arbeitet, duldet“

Gauleiter Alfred Meyer nutzte seine Ansprache, um den Tod der Bombenopfer für die Fortsetzung des Krieges zu deuten. Er sprach von Vergeltung und forderte die Bevölkerung auf, „noch fanatischer zu kämpfen“. Seine Aufforderung „Kämpft, arbeitet, duldet“ verband das Gedenken mit Durchhaltewillen und Gehorsam. Auch der niedergelegte Kranz Adolf Hitlers und Meyers Bezeichnung Hitlers als „Garant des Sieges“ ordneten die Toten in die Propaganda vom angeblich noch möglichen „Endsieg“ ein.

Zum Lied vom „guten Kameraden“ wurde ein Sarg in die Erde hinabgelassen. Ehrensalven begleiteten die Beisetzung. Anschließend legten Vertreter von Partei, Stadt, Wehrmacht, Polizei und weiteren Organisationen Kränze nieder. Eine Aufnahme hält diesen Augenblick fest: Während Soldaten am Grab einen Kranz niederlegen, zeigen mehrere Funktionsträger den Hitlergruß. Erst danach beendeten evangelische und katholische Geistliche die Feier.

Die Bildserie zeigt daher mehr als eine Beisetzung. Fahnen, Uniformen, Ehrenwachen, militärische Rituale und politische Ansprachen drängten die persönliche Trauer in den Hintergrund. Das NS-Regime machte das Gedenken an die Opfer zu einer öffentlichen Demonstration von Geschlossenheit („Volksgemeinschaft“) und weiterem Durchhaltewillen.

Spur aufgenommen und Recherche
Dimitrios Pafliotis
Universität Bielefeld

Veröffentlicht am 24. September 2026 und aktualisiert am 06. Oktober 2026

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 47: Westfälische Neueste Nachrichten vom 7./8. Oktober 1944. URL

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