"Die durch Feindeinwirkung getöteten oder infolge erlittener Verletzungen gestorbenen nicht der Wehrmacht angehörenden deutschen Staatsangehörigen sowie die Staatsangehörigen der verbündeten Mächte sollen, falls es die Hinterbliebenen wünschen, auf den vorläufigen Ehrenfriedhöfen beigesetzt werden; dies gilt nicht für Juden und Personen polnischen Volkstums." (Richtlinien Nr. 1 vom August 1941 StArchBi, Best. 108,14, Nr. 304)
Historischer und ideologischer Hintergrund
Während des Zweiten Weltkrieges befanden sich über 13 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Deutschland, davon ca. 14 000 Zivilarbeiter und ca. 2000 Kriegsgefangene in Bielefeld, aus verschiedenen Regionen Europas. Diese Zwangsarbeiter wurden während ihres meist unfreiwilligen Aufenthalts im Deutschen Reich auch in die rassistischen Logiken des Nationalsozialismus und seiner Ideologie eingegliedert. Der Rassenwahn der Nationalsozialisten war nicht nur im Alltag und im Leben jener Menschen spürbar, sondern blieb auch nach ihrem Tod auf den Friedhöfen des nationalsozialistischen Deutschlands sichtbar.
Der „Heldentod“ im Kampf für die „Volksgemeinschaft“ war ein elementarer Bestandteil der NS-Ideologie und Propaganda. Personen, die nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehörten – z. B. Jüdinnen und Juden oder Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter – hatten in der NS-Ideologie keinen Platz, um als „Helden“ erinnert zu werden. Dies wurde in der Vereinbarung des Reichsinnenministeriums und dem Oberkommando der Wehrmacht vom 13. Oktober 1940 festgelegt, auf die "Richtlinien" zurückgehen.
Durch Krieg sterben Menschen. Nicht nur Angehörige des Militärs, sondern auch Zivilisten kommen bei Bombardierungen ums Leben. Darunter fallen auch Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Bielefeld, die schließlich auch begraben werden mussten.
Bestattungen während des Zweiten Weltkrieges
550 deutsche Zivilpersonen wurden während des Krieges auf dem Ehrenfriedhof des Sennefriedhofs (Brackweder Straße 80) bestattet.
Für jene verstorbenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sollten sogenannte „Ausländergräber“ auf dem Sennefriedhof genügen. Dort wurden die „Ausländergräber“ auf dem „Ausländerfeld“ 517 Zivilarbeiter beigesetzt. Unter ihnen waren 430 sowjetische Staatsbürger, 73 namentlich unbekannt. Diese „Ausländergräber“ befanden sich am Rand des Sennefriedhofs, sodass auch eine räumliche Distanz zwischen den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern und den Mitgliedern der „Volksgemeinschaft“ entstand.
Auch innerhalb der ethnisch heterogenen Gruppe von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gab es unter den Nationalsozialismus rassische Hierarchien, die von den Nationalsozialisten vorgesehen waren: ein niederländischer Zwangsarbeiter konnte bei seiner Beerdigung ein Holzkreuz als Grabzeichen erhalten, ein französischer Zwangsarbeiter nur noch ein Einzelgrab, ein polnischer, jüdischer oder sowjetischer Zwangsarbeiter hingegen nicht einmal das. Diese wurden in manchen Fällen mit anderen polnischen, jüdischen oder sowjetischen Zwangsarbeitern in einem Grab bestattet.
Im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gab es für die „Arier“ besondere Gräber – nämlich Ehrengräber – für die aus ihrer Sicht anderen „Rassen“ sollte jedoch keine gleiche Behandlung möglich sein. Lediglich Soldaten und Zivilisten aus Staaten, die mit dem Deutschen Reich verbündet waren, erhielten einen Grabplatz auf dem Ehrenfriedhof. Die „Fremden“ hingegen sollten langfristig nicht im Gedächtnis der „Volksgemeinschaft“ bleiben, so wie in die im August 1941 veröffentlichten Richtlinien über die Fürsorge für die Gräber der Kriegsgefallenen auf den nicht reichseigenen Friedhöfen vorgesehen hatten.
Nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges befasste sich die Besatzungsverwaltung der Alliierten mit den verstorbenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter in Bielefeld und versuchten diese zu erfassen. Während der Besatzung durch die Alliierten wurde auch eine angemessene und den Deutschen gleichgesetzte Bestattung der verstorbenen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie die Grabmalpflege für jene auf dem Sennefriedhof durchgesetzt und durch Inspektionen sichergestellt, dass diese auch eingehalten wurde. Die von den Nationalsozialisten vorgesehene Trennung der Deutschen von den Ausländern wurde somit aufgehoben. So wurden in den Jahren 1946 und 1947 sogar ein Denkmal für sowjetische Zivilarbeiterinnen und Zivilarbeiter sowie ein Denkmal für Angehörige des sowjetischen Militärs errichtet. Nach dem Krieg wurden auch Familienangehörige jener Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gesucht und gegebenenfalls kontaktiert, sodass eine Überführung der Verstorbenen in ihre Heimat möglich wurde, oder genauere Auskunft über den Aufenthalt der Verstorbenen gegeben werden konnte.
Spur aufgenommen und Recherche
David Rein
Universität Bielefeld
- Black, Monica, Death in Berlin. From Weimar to divided Germany, Cambridge 2010
- Herbert, Ulrich, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des „Ausländer-Einsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Bonn 1999
- Kühne, Hans-Jörg, Kriegsbeute Arbeit. Der „Fremdarbeitereinsatz“ in der Bielefelder Wirtschaft 1939-1945, Bielefeld 2002
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,14/ Garten-, Forst- und Friedhofsamt Nr. 0304
- Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 108,14/ Garten-, Forst- und Friedhofsamt Nr. 0307