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„Arisierungs“-Wettlauf um das Haushaltswarengeschäft „Adolf Heine“

25. November 1938
Ritterstraße 13, 33602 Bielefeld

Am 25. November 1938 verkündete die Zeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“ die „Arisierung“ des Haushaltswarengeschäfts „Adolf Heine“ in der Ritterstraße 57 (heute: Ritterstraße 13) mit den Worten: „Judenfirma Heine arisiert. Übernahme durch August Petring“. Knapp vier Wochen zuvor waren die Verhandlungen zwischen den Besitzern, der Bielefelder Geschäftsfrau Thekla Lieber und ihrem Sohn Erich Lieber, und einem anderen „Arisierungsinteressenten“ gescheitert. Unter dem Eindruck der Novemberpogrome vom 9. und 10. November 1938 ging es schließlich ganz schnell. Im Zuge der gewaltsamen Übergriffe wurden auch die Geschäftsräume des 1882 gegründeten Unternehmens „Adolf Heine“ verwüstet und die letzten verbliebenen Handlungsspielräume der Familie Lieber zerstört. 

Erster Anlauf: Opportunistische Initiierung

Der erste Versuch einer Übernahme des Geschäfts ist bereits für das Jahr 1935 dokumentiert. „Adolf Heine“ war zu diesem Zeitpunkt zwar bereits von der antisemitischen Politik der wirtschaftlichen Verdrängung und des Boykotts „jüdischer Unternehmen“ betroffen, konnte sich wirtschaftlich jedoch noch behaupten.

Am 31. Juli 1935 stellte Albert Runte einen Antrag auf Neugründung einer Filiale in Bielefeld. Runte war ein Geschäftsmann aus Hamm, der dort bereits ein Haushaltswarengeschäft unterhielt und nun weiter expandieren wollte. In seiner Bewerbung schrieb er, dass ein „christliches Fachgeschäft“ in Bielefeld nicht existiere. Obwohl sein Antrag von Beginn an einen antisemitischen Unterton enthielt, zielte er zunächst auf eine Neueröffnung. Erst nachdem ihm das Steueramt der Stadt Bielefeld mitgeteilt hatte, dass die Genehmigung aufgrund einer Übersättigung der Branche nicht erteilt werden könne, versuchte Runte, „Adolf Heine“ zu übernehmen. Er argumentierte, trotz der „arischen“ Konkurrenz sei das „Hauptgeschäft immer noch ein jüdisches, und zwar die Firma Heine“. Da die Frist für einen Widerspruch inzwischen abgelaufen war, scheiterte dieser erste Versuch, ohne dass es zu konkreten Verhandlungen kam.

Zweiter Anlauf: Denunziation und Preiskampf

1938 sah sich die Familie Lieber angesichts der sich verschärfenden antisemitischen Politik und gesellschaftlichen Stimmung gezwungen, ihr Geschäft zu verkaufen, um ihre Emigration zu finanzieren. Es kam zu Verhandlungen mit Carl Kutschera aus Dortmund. Um den ohnehin niedrigen Kaufpreis weiter zu senken, behauptete Kutschera nach Vertragsabschluss, das Geschäft sei nicht rentabel und die wirtschaftliche Lage bewusst beschönigt worden. Als die Familie Lieber den Kaufpreis nicht weiter senken wollte, zeigte er sie an, woraufhin die Geheime Staatspolizei (Gestapo) die Geschäftsräume durchsuchte. Da auch sie keinen Betrug feststellen konnte, scheiterte Ende Oktober 1938 auch dieser Übernahmeversuch.

Dritter Anlauf: Die Novemberpogrome und das Ende der Verhandlungsmacht

Im November 1938 versuchte schließlich der Bielefelder Konkurrent August Petring, das Geschäft zu übernehmen. Dessen Inhaber, das NSDAP-Mitglied Ewald Wittler, hatte bereits einige Monate zuvor eine Denunziation gegen „Adolf Heine“ im Hetzblatt „Der Stürmer“ veröffentlicht. Am 15. November, wenige Tage nach den Novemberpogromen, wurde Thekla Lieber bei der Unterzeichnung des Kaufvertrags mitgeteilt, dass die Gauwirtschaftsberatungsstelle auf einer weiteren Senkung des Verkaufspreises bestand. Sie sah sich gezwungen zuzustimmen, da ihr kein Handlungsspielraum mehr geblieben war. Ihr Sohn hatte Bielefeld bereits während den Novemberpogromen verlassen müssen, um einer Verhaftung zu entgehen.

Bei zwei der drei Übernahmeversuche kam es zu konkreten Verhandlungen, wobei der letzte unter den unmittelbaren Auswirkungen der Novemberpogrome zustande kam. Allen gemeinsam war, dass sich die jeweiligen Interessenten als skrupellose Profiteure hervortaten: Sie diffamierten die Familie Lieber antisemitisch, prangerten sie öffentlich an und nutzten ihre gesellschaftliche Verfolgung sowie die gesetzliche Diskriminierung gezielt für den eigenen wirtschaftlichen Vorteil.

Spur aufgenommen und Recherche
Daniel Wache
Universität Bielefeld

Veröffentlicht am 20. Juli 2026

  • Dickel, Lisa, 'Arisierung' und Wiedergutmachung in Bielefeld, Bielefeld 2010
  • Meynert, Joachim/ Schäffer, Friedhelm, Die Juden in der Stadt Bielefeld während der Zeit des Nationalsozialismus (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte, Bd. 3), Bielefeld 1983
  • Minninger, Monika/ Meynert, Joachim/ Schäffer, Friedhelm (Hrsg.), Antisemitisch Verfolgte registriert in Bielefeld 1933-45. Eine Dokumentation jüdischer Einzelschicksale (Bielefelder Beiträge zur Stadt- und Regionalgeschichte 4) Bielefeld 1985

  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 104,1/Ordnungsamt, Nr. 4738, u.a. „Arisierung“ der Firma „Adolf Heine“
  • Stadtarchiv Bielefeld, Bestand 400,2/Zeitungen, Nr. 6: Westfälische Neueste Nachrichten vom 25. November 1938. URL

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20. Juli 2026 | Lutz Havemann

Eine weitere Quelle wären die Beiträge von Bernd J. Wagner in dem Buch: "Es waren doch unsere Nachbarn" Deportationen in Ostwestfalen-Lippe 1941-1945" - Herausgeber/innen: Jupp Asdonk, Dagmar Buchwald, Lutz Havemann, Uwe Horst. Bernd J. Wagner. 2. überarbeitete Ausgabe: Bielefeld -September 2014

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