Direkt zum Inhalt

Glossar

Zu­sam­men mit ver­schie­de­nen Au­tor*in­nen stellt das On­lin­e­por­tal Er­klä­run­gen und Er­läu­te­run­gen zu zen­tra­len, in den Spu­ren ver­wen­de­ten Be­grif­fen be­reit. Die an­ge­ge­be­ne Li­te­ra­tur lädt zur Ver­tie­fung ein. Die Gloss­ar­be­grif­fe bie­ten ei­nen ers­ten Über­blick über Sach­zu­sam­men­hän­ge und er­he­ben kei­nen An­spruch auf Voll­stän­dig­keit.

§ 175 – Verfolgung von homosexuellen Männern

Der Paragraph 175 im deutschen Strafgesetzbuch bestand von 1871 bis 1994 und stellte sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe.

Während des NS-Regimes wurde der § 175 erheblich verschärft, dies führte dazu, dass bereits geringfügige Verstöße gegen dieses Strafgesetz (wie Küsse und Umarmungen) mit harten Strafen geahndet wurden.

Der § 175 war ein wichtiges Instrument der Nationalsozialisten, um homosexuelle Männer zu verfolgen. Die NZ-Justiz verurteilte von 1933 bis 1945 rund 50.0000 von ihnen, ein Großteil davon mit Gefängnisstrafen. Mehrere Tausend Homosexuelle wurden in KZs eingewiesen, die Hälfte davon ermordet.

In der Bundesrepublik galt der Paragraph nach den Reformen von 1969 und 1973 nur noch für sexuelle Handlungen mit Jugendlichen und wurde im Jahre nach der Wiedervereinigung abgeschafft.

Lutz Havemann (2025)

Literatur: § 175: 100[0] Schlüsseldokumente. URL; § 175: Antidiskriminierungsstelle des Bundes. URL; § 175 Strafgesetzbuch (Deutschland): Wikipedia.org. URL [30. November 2025]; § 175 und § 175 a RStGB: AG „Rosa Winkel“ Berlin. URL; Ewers, Niko, „Besonders ein regelrechtes Liebesverhältnis muss auf’s schwerste verurteilt werden“. Verfolgung von Homosexuellen in Bielefeld in der Zeit des Nationalsozialismus, in: Jahresbericht des Historischen Vereins für die Grafschaft Ravensberg, Jg. 86 (2000), S. 73-90. URL; Fischer, Sigmar, Dossier: Der § 175 und die Verfolgung Homosexueller in Bielefeld (1933-1945): Onlineportal: „Spurensuche Bielefeld 1933 bis 1945“. URL; Heinz, Stefan / Bergmann, Lukas (2012): Verfolgung von „Volksfeinden“ als Staatsauftrag – Die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“. Verfolgung von Homosexuellen: Lernen aus der Geschichte. URL; Homosexualität: Stolpersteine Bremen. URL; Paragraf 175 und die NS-Kampagne gegen Homosexualität: Holocaust Encyclopedia des United States Holocaust Memorial Museum. URL [22. Februar 2024]; Paragraph 175: Die Geschichte der strafbaren Homosexualität in Deutschland: Arolsen Archives. URL.

"Arisierung"

Be­ti­telt den Über­gang jü­di­schen Ver­mö­gens – Un­ter­neh­men, Im­mo­bi­li­en, Kon­ten, Mo­bi­li­ar etc. – durch Ent­zug oder Ver­kauf an Nicht­ju­den oder das Deut­sche Reich und im Er­geb­nis die vom NS-Re­gime ver­folg­te wirt­schaft­li­che Exis­tenz­ver­nich­tung der Jüd*in­nen.

Ver­äu­ße­run­gen fan­den zu­nächst ohne staat­li­che Ein­grif­fe, aber un­ter all­ge­mei­nem Druck statt. Nach den „Nürn­ber­ger Ge­set­zen“ (1935), spä­tes­tens aber mit der Po­grom­nacht (1938) war das Ge­schäfts­kli­ma und die Ver­hand­lungs­ba­sis für die Jüd*in­nen ver­schlech­tert.

Die „Ver­ord­nung zur Aus­schal­tung der Ju­den aus dem deut­schen Wirt­schafts­le­ben“ vom 12. No­vem­ber 1938 un­ter­sag­te ih­nen den Be­trieb von Hand­werk, Han­del und Dienst­leis­tungs­ge­wer­ben. Der am 3. De­zem­ber 1938 er­las­se­nen „Ver­ord­nung über den Ein­satz des jü­di­schen Ver­mö­gens“ zu­fol­ge durf­ten Ju­den Ei­gen­tum nur zu amt­lich fest­ge­setz­ten Prei­sen ver­kau­fen; der Er­lös floss auf Sperr­kon­ten. Nach den De­por­ta­tio­nen wur­den Haus­halts­ge­gen­stän­de durch die Fi­nanz­äm­ter „ver­wer­tet“.

Dr. Jo­chen Rath (2021)

Literatur: Aly, Götz, Hit­lers Volks­staat. Raub, Ras­sen­krieg und na­tio­na­ler So­zia­lis­mus, Frank­furt am Main 2005; Bar­kai, Av­ra­ham, Vom Boy­kott zur „Ent­ju­dung“. Der wirt­schaft­li­che Exis­tenz­kampf der Ju­den im Drit­ten Reich 1933-1943, Frank­furt am Main 1988; Gen­schel, Hel­mut, Die Ver­drän­gung der Ju­den aus der Wirt­schaft im Drit­ten Reich (Göt­tin­ger Bau­stei­ne zur Ge­schichts­wis­sen­schaft, Bd. 38), (Diss. 1963) Göt­tin­gen 1966; Gosch­ler, Con­stan­tin / Ther, Phi­lip (Hrsg.), Raub und Re­sti­tu­ti­on. „Ari­sie­rung“ und Rück­erstat­tung des jü­di­schen Ei­gen­tums in Eu­ro­pa (Die Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Nr. 15738), Frank­furt am Main 2003; Lud­wig, Jo­han­nes, Boy­kott, Ent­eig­nung, Mord. Die „Ent­ju­dung“ der deut­schen Wirt­schaft, Mün­chen/ Zü­rich 1992; Ver­ord­nung zur Aus­schal­tung der Ju­den aus dem deut­schen Wirt­schafts­le­ben v. 12. No­vem­ber 1938. URL; Ver­ord­nung über den Ein­satz des jü­di­schen Ver­mö­gens v. 3. De­zem­ber 1938 URL.

Bewährungseinheiten 999

Straf- oder Be­wäh­rungs­ein­hei­ten wa­ren ur­sprüng­lich Ein­rich­tun­gen zur Straf­ver­fol­gung in­ner­halb der Wehr­macht. 1942 schuf das NS-Re­gime die „Be­wäh­rungs­ein­hei­ten 999“ zur Re­kru­tie­rung bis­lang als „wehr­un­wür­dig“ gel­ten­der Per­so­nen­grup­pen – vor­ran­gig aus po­li­ti­schen oder welt­an­schau­li­chen Grün­den ver­ur­teil­te Straf­tä­ter.

Ih­nen wur­de Straf­er­lass und nach „Be­wäh­rung vor dem Feind“ auch die Wie­der­er­lan­gung der „Wehr­wür­dig­keit“ in Aus­sicht ge­stellt. Auch wenn sie ihre Stra­fe be­reits ver­büßt hat­ten, wur­den sie den­noch von der Ge­sta­po über­wacht.

Die 999-Ein­hei­ten wa­ren Son­der­ver­bän­de des Hee­res. Sie wur­den nach Nord­afri­ka und spä­ter nach Grie­chen­land zum Kriegs­ein­satz ge­schickt, zu­letzt an die Ost­front. Ihre Aus­rüs­tung war oft schlech­ter als die der re­gu­lä­ren Ver­bän­de, ihre Ein­sät­ze ri­si­ko­rei­cher. Sie gal­ten als un­zu­ver­läs­sig, die meis­ten blie­ben über­zeug­te Geg­ner des NS-Re­gimes. Man­che Ein­hei­ten wur­den we­gen zahl­rei­cher Über­läu­fer (ins­be­son­de­re zu den grie­chi­schen Par­ti­sa­nen) auf­ge­löst.

Ger­lin­de Bar­tels (2022)

Literatur: Klausch, Hans-Pe­ter, Die Ge­schich­te der Be­wäh­rungs­ba­tal­lio­ne 999 un­ter be­son­de­rer Be­rück­sich­ti­gung des an­ti­fa­schis­ti­schen Wi­der­stands, Band 1 und 2, Köln 1987; Käpp­ner, Joa­chim, Sol­da­ten im Wi­der­stand. Die Straf­di­vi­si­on 999 1942 bis 1945, Mün­chen 2022.

Bund Deutscher Mädel (BDM)

Der Bund Deut­scher Mä­del (kurz: BDM) war der weib­li­che Zweig Hit­ler-Ju­gend und dien­te wie das männ­li­chen Pen­dant dazu, die Ju­gend auf den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ein­zu­schwö­ren.  Auch die Glie­de­rung des BDM war nach Al­ter ge­staf­felt: 10-14-jäh­ri­ge tra­ten dem Jung­mä­del­bund bei und ab 14 Jah­ren dem Bund Deut­scher Mä­del. Der Auf­bau war eben­falls streng hier­ar­chisch: Bun­des­füh­re­rin/​Reichs­re­fe­ren­tin, Ober­gau, Un­ter­gau, Mä­del­ring, Mä­del­grup­pe, Mä­del­schar und Mä­del­schaft.

Ge­grün­det wur­de der Bund 1930 und ab De­zem­ber 1936 war die Mit­glied­schaft für Mäd­chen ver­pflich­tend. In Bie­le­feld ist die Grün­dung für 1931 mit ei­ner Mit­glied­zahl von 20 Mäd­chen un­ter der Füh­rung von Mag­da­le­ne Vogt be­legt. Die Mäd­chen und jun­gen Frau­en hat­ten in den Hei­men der Hit­ler­ju­gend ei­ge­ne Räum­lich­kei­ten. In Brack­we­de um­fass­te 1936 die Mit­glied­schaft beim Jung­mä­del­bund und BDM 470 Mäd­chen.

Dia­na Molt B.A. (2022)

Literatur: Pos­tert, An­dré: Die Hit­ler­ju­gend, Ge­schich­te ei­ner über­for­der­ten Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on, Göt­tin­gen 2021; Rath, Jo­chen, 27. Fe­bru­ar 1944: Bie­le­fel­der HJ-An­ge­hö­ri­ge wer­den in die NS­DAP über­führt: His­to­ri­scher Rückklick Bie­le­feld, Bie­le­feld 2019. URL; Stadt­ar­chiv Bie­le­feld, Be­stand 130,8/​Ge­mein­de Brack­we­de, Nr. 354.

Deportation

Die­ser Be­griff be­schreibt den Trans­port und die Um­sied­lung un­ter Zwang von po­li­ti­schen Geg­nern oder Be­völ­ke­rungs­grup­pen an ei­nen Ort, an dem sie nicht mehr als Stö­rung oder Ge­fähr­dung er­schei­nen. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­brach­ten Mil­lio­nen Ju­den, Sin­ti und Roma und po­li­tisch An­ders­den­ken­de in Ghet­tos, Kon­zen­tra­ti­ons- und Ver­nich­tungs­la­ger. Die­se sys­te­ma­ti­sche Ver­schlep­pung be­gann schon Mit­te Ok­to­ber 1941, noch vor der Wann­see­kon­fe­renz. Da­bei wa­ren zwei staat­li­che Be­hör­den von zen­tra­ler Be­deu­tung: das Reichs­si­cher­heits­haupt­amt (RSHA) und die Deut­sche Reichs­bahn (DR). Nur im eng­ver­zahn­ten Zu­sam­men­wir­ken wa­ren die De­por­ta­tio­nen und der Mas­sen­mord über­haupt mög­lich: Ohne das Schie­nen­netz, die Ver­füg­bar­keit von Ei­sen­bahn­zü­gen und die zahl­lo­sen rei­bungs­los funk­tio­nie­ren­den Be­schäf­tig­ten der Reichs­bahn wä­ren die Trans­por­te nicht durch­führ­bar ge­we­sen. Ne­ben Ge­sta­po-Be­am­ten wirk­ten auch Zoll­be­am­te, Ge­richts­voll­zie­her, Ver­wal­tungs­be­am­te, Po­li­zis­ten als Wach­per­so­nal und vie­le an­de­re mit, de­ren 'Bei­tra­g' für ei­nen rei­bungs­lo­sen Ab­lauf un­ab­ding­bar war.

Lutz Ha­ve­mann (2021)

Literatur: Eng­wert, An­dre­as / Kill, Su­san­ne (Hrsg.), Son­der­zü­ge in den Tod. Die De­por­ta­tio­nen mit der Deut­schen Reichs­bahn, Köln/​Wei­mar/​Wien 2009; Hil­berg, Paul, Die Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den, Frank­furt am Main 1990; Horst, Uwe, Zwi­schen Ver­fol­gung und Ver­nich­tung - Der po­li­ti­sche, so­zia­le und or­ga­ni­sa­to­ri­sche Rah­men der De­por­ta­tio­nen, in: As­donk, Jupp / Buch­wald, Dag­mar / Ha­ve­mann, Lutz / Horst, Uwe / Wag­ner, Bernd J. (Hrsg.), „Es wa­ren doch un­se­re Nach­barn!“ De­por­ta­tio­nen in Ost­west­fa­len-Lip­pe 1941-1945, Es­sen 2014, S. 16-56; In­sti­tut Tere­zins­ke ini­cia­ti­vy (2009), Die Mas­sen­de­por­ta­tio­nen in die Kon­zen­tra­ti­ons- und Ver­nich­tungs­la­ger. URL; Kill, Su­san­ne: „Dem Rei­che wir die­nen…“ - Die Deut­sche Reichs­bahn im Dienst des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, in: As­donk, Jupp / Buch­wald, Dag­mar / Ha­ve­mann, Lutz / Horst, Uwe / Wag­ner, Bernd J. (Hrsg.), „Es wa­ren doch un­se­re Nach­barn!“ De­por­ta­tio­nen in Ost­west­fa­len-Lip­pe 1941-1945, Es­sen 2014, S. 57-67; Meinl, Su­san­ne / Zwil­ling, Jut­ta, Le­ga­li­sier­ter Raub. die Aus­plün­de­rung der Ju­den im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus durch die Reichs­fi­nanz­ver­wal­tung in Hes­sen, Frank­furt am Main 2004. URL.

Entnazifizierung

Die so­ge­nann­te Ent­na­zi­fi­zie­rung war die Po­li­tik der vier Sie­ger­mäch­te (USA, Frank­reich, Groß­bri­tan­ni­en, So­wjet­uni­on), um die deut­sche Po­li­tik, das Jus­tiz­sys­tem, die Pres­se etc. von den Na­tio­nal­so­zia­lis­ten zu be­frei­en. Sie be­stand vor­nehm­lich aus dem Ver­bot der NS­DAP und ih­rer Un­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen und be­müh­te sich auch den NS-All­tag aus dem Stra­ßen­bild zu ver­ban­nen. Der In­ter­na­tio­na­le Mi­li­tär­ge­richts­hof ver­such­te die Haupt­tä­ter zu ver­ur­tei­len. Die Mehr­heit der Deut­schen wur­den mit­tels ei­nes Fra­ge­bo­gens über ihre NS-Ver­gan­gen­heit be­fragt. Die of­fi­zi­el­len Ent­na­zi­fi­zie­rungs­ver­fah­ren führ­ten zu­erst die Al­li­ier­ten durch, spä­ter deut­sche Spruch­kam­mern. Ziel war auch der Auf­bau ei­ner de­mo­kra­tisch or­ga­ni­sier­ten Ge­sell­schaft.

Dia­na Molt (2021)

Literatur: Grau, An­dre­as/​Haun­horst, Re­gi­na/​Würz, Mar­kus: Ent­na­zi­fi­zie­rung, in: Le­ben­di­ges Mu­se­um On­line, Stif­tung Haus der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. URL.

"Euthanasie"

(urspr. alt­grie­chisch: „Ster­be­hil­fe“) Be­griff der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, mit dem das Ver­bre­chen der Tö­tung von ‚le­bens­un­wer­ten Le­ben‘ („Gna­den­tod“) aus ras­sen­hy­gie­ni­schen Grün­den be­zeich­net wur­de. Es han­del­te sich um ge­ziel­te und sys­te­ma­ti­sche, staat­lich ge­lenk­te Ak­tio­nen zur Tö­tung von Neu­ge­bo­re­nen mit erb­li­chen Krank­hei­ten oder Be­hin­de­run­gen (Erb­pfle­ge), von un­heil­bar Kran­ken oder Be­hin­der­ten (aus Mit­leid) so­wie von psych­ia­tri­schen Lang­zeit­pa­ti­ent*in­nen (Kos­ten­er­spar­nis). Zwi­schen 1939 und 1945 fand das Eu­tha­na­sie­pro­gramm in meh­re­ren Ak­tio­nen un­ter fol­gen­den Na­men statt: „Kin­de­reutha­na­sie“, der „Ak­ti­on T4“, „Son­der­be­hand­lung 14f13“ und wei­te­re Son­der­ak­tio­nen – Zwangs­ste­ri­li­sa­tio­nen u.a. von „Aso­zia­len“ be­gan­nen schon 1934. Ver­läss­li­che Op­fer­zah­len sind der­zeit nicht be­kannt. Bis 1941 wur­den al­lein mit der „Ak­ti­on T4“ mehr als 120.000 Men­schen er­mor­det. Die Eu­tha­na­sie ab 1939 war Teil der sys­te­ma­ti­schen Ver­nich­tungs­po­li­tik der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten und eine Vor­stu­fe der „End­lö­sung der Ju­den­fra­ge“.

Jan-Wil­lem Wa­ter­böhr (2021)

Literatur: Ba­ring­horst, Ul­rich / Böhn­ke, An­drea (2020), Eu­tha­na­sie im Drit­ten Reich. Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ras­sen­leh­re. URL; Klee, Ernst, „Eu­tha­na­sie“ im NS-Staat. Die „Ver­nich­tung le­bens­un­wer­ten Le­bens“, Frank­furt a.M. 1983; Re­dak­ti­on Zu­kunft braucht Er­in­ne­rung (2004), Eu­tha­na­sie und Eu­ge­nik im Drit­ten Reich. Ster­be­hil­fe, Mord und Ak­ti­on T4. URL; Schm­uhl, Hans-Wal­ter, Ras­sen­hy­gie­ne, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus, Eu­tha­na­sie, Göt­tin­gen 1987; Schwartz, Mi­cha­el, Bern­hard Ba­vink: Völ­ki­sche Welt­an­schau­ung – Ras­sen­hy­gie­ne – ‚Ver­nich­tung le­bens­un­wer­ten Le­bens‘. Wis­sen­schaft­li­ches Gut­ach­ten im Auf­trag der Stadt Bie­le­feld, Bie­le­feld 1993.

Geheime Staatspolizei (Gestapo)

Die Ge­hei­me Staats­po­li­zei war eine im April 1933 von Her­mann Gö­ring zu­nächst in Preu­ßen ge­grün­de­te Be­hör­de, die aus der po­li­ti­schen Po­li­zei her­vor­ging. 1936 wur­den auch die po­li­ti­schen Po­li­zei­en der wei­te­ren Län­der un­ter der Lei­tung von Hein­rich Himm­ler ver­ei­nigt und fir­mier­ten fort­an als reichs­wei­te, zen­tra­le Stel­le. 1939 wur­de sie Teil des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts. Die Auf­ga­be be­stand pri­mär in der sys­te­ma­ti­schen Über­wa­chung und Ver­fol­gung von als po­li­ti­schen Geg­nern wahr­ge­nom­me­nen Per­so­nen und der NS-Ideo­lo­gie zu­wi­der­lau­fen­den Min­der­hei­ten. Hier war die Be­hör­de mit weit­rei­chen­den Be­fug­nis­sen aus­ge­stat­tet, was un­ter an­de­rem in bru­ta­len Fol­ter­me­tho­den zum Aus­druck kam. Auch bei der Or­ga­ni­sa­ti­on und Durch­füh­rung der De­por­ta­tio­nen war die Ge­sta­po be­tei­ligt.

Bie­le­feld hat­te zu­nächst eine ei­gen­stän­di­ge Ge­sta­pos­tel­le, die 1941 der Leit­stel­le Müns­ter als Ge­sta­po­au­ßen­dienst­stel­le un­ter­ge­ord­net wur­de.

Hel­mut Hen­schel (2021)

Literatur: Dams, Cars­ten / Stol­le, Mi­cha­el / Die Ge­sta­po. Herr­schaft und Ter­ror im Drit­ten Reich, Mün­chen 2021; Hart­mann, Jür­gen, Die Be­zirks­stel­le West­fa­len der Reichs­ver­ei­ni­gung der Ju­den in Deutsch­land in Bie­le­feld 1939 bis 1943, in: Ro­sen­land. Zeit­schrift für lip­pi­sche Ge­schich­te, Nr. 25 (2021).

Gerichtsgefängnis Dortmund als Hinrichtungsstätte

Nach­dem 1943 im Dort­mun­der Ge­richts­ge­fäng­nis eine Guil­lo­ti­ne auf­ge­stellt wur­de, dien­te es, im Volks­mund „Lü­be­cker Hof“ ge­nannt, zeit­wei­se als ei­ner der zen­tra­len Hin­rich­tungs­stät­ten des Drit­ten Rei­ches. Mehr als 300 aus­län­di­sche und deut­sche Wi­der­stands­kämp­fer*in­nen sol­len dort zwi­schen Juli 1943 und Ja­nu­ar 1945 hin­ge­rich­tet wor­den sein.

Zu die­sen Op­fern ge­hör­ten die fol­gen­den Bie­le­fel­der Ar­bei­ter und Ge­werk­schaft­ler:

Bild


Die Hin­ter­blie­be­nen der Bie­le­fel­der Exe­ku­tier­ten be­rich­tig­ten nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs, dass die Lei­chen ih­rer ge­tö­te­ten An­ge­hö­ri­gen nach der Hin­rich­tung ein­fach auf dem Dort­mun­der Fried­hof an ei­ner He­cke ver­scharrt und die Grä­ber un­kennt­lich ge­macht wor­den sei­en. Erst nach lan­gem Su­chen fan­den sie die sterb­li­chen Über­res­te wie­der, so dass die­se erst im De­zem­ber 1945 nach Bie­le­feld über­führt und spä­ter auf dem »Eh­ren­feld für po­li­tisch Ver­folg­te« auf dem Sen­n­e­fried­hof be­stat­tet wer­den konn­ten.

Lutz Ha­ve­mann (2023)

Literatur: Der Zwei­te Welt­krieg und die Hin­rich­tun­gen. Das dun­kels­te Ka­pi­tel des „Lü­be­cker Ho­fes“: JVA-Dort­mund.nrw.de. URL; Dag­mar Gie­se­ke (2013), 12. Sep­tem­ber 1948: Ent­hül­lung des Ge­denk­stei­nes für po­li­ti­sche Ver­folg­te auf dem Sen­n­e­fries­hof: His­to­ri­scher RückKlick Bie­le­feld. URL; His­to­rie. Die Ge­schich­te der JVA Dort­mund: JVA-dort­mund.nrw.de. URL; Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt Dort­mund: Wi­ki­pe­dia.org. URL; Na­men, Orte, Bio­gra­phi­en: Stol­per­stein-In­itia­ti­ve Bie­le­feld e.V. URL.

Heimeinkaufsverträge

Hei­mein­kaufs­ver­trä­ge wur­den durch die Reichs­ver­ei­ni­gung der Ju­den in Deutsch­land (RVJD) auf An­ord­nung des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes (RSHA) mit den nach The­re­si­en­stadt de­por­tier­ten Jü­din­nen und Ju­den über 65 Jah­ren ab­ge­schlos­sen, so­fern die­se noch über min­des­tens 1000 RM ver­füg­ten. Sug­ge­riert wur­de ih­nen, „auf Le­bens­zeit Heim­un­ter­kunft und Ver­pfle­gung“ in The­re­si­en­stadt – dem fak­ti­schen Ghet­to – zu er­hal­ten.

Hin­ter den ir­re­füh­ren­den Ver­trä­gen steck­te nicht nur der Ver­such, The­re­si­en­stadt nach au­ßen zu ver­harm­lo­sen, son­dern auch die Ab­sicht des RSHA, den Fi­nanz­be­hör­den zu­vor­zu­kom­men. Ver­mö­gens­wer­te, die an­de­ren­falls mit der De­por­ta­ti­on dem Fi­nanz­mi­nis­te­ri­um zu­ge­fal­len wä­ren, wur­den so vom RSHA ein­ge­stri­chen.

Be­son­ders per­fi­de an den Ver­trä­gen war, dass sie der Ge­gen­sei­te „das Recht der an­der­wei­ti­gen Un­ter­brin­gung“ vor­be­hiel­ten. Für Vie­le be­deu­te­ten sie die wei­te­re De­por­ta­ti­on in die To­des­la­ger.

Ve­ro­ni­ka Ta­cke (2025)

Literatur: Kraus­nitz, Hel­mut, Ju­den­ver­fol­gung, in: Buch­heim, Hans / Bros­z­at, Mar­tin / Ja­cob­sen, Hans-Adolf / Kraus­nitz, Hel­mut, Ana­to­mie des SS-Staa­tes, Mün­chen 1999 (7. Aufl.).

Hitler-Jugend ("HJ")

Die Hit­ler-Ju­gend (kurz: „HJ“) be­zeich­net die männ­li­che Ju­gend­or­ga­ni­sa­ti­on der NS­DAP. 1926 in Wei­mar ge­grün­det, dien­te sie dazu, die Ju­gend auf den na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Kurs zu brin­gen und zu hal­ten. Im Juni 1932 um­fass­te die HJ rund 50.000 Mit­glie­der, Ende 1933 wa­ren es 1,7 Mil­lio­nen. Sie war nach Al­ter ge­staf­felt: 10-14-jäh­ri­ge tra­ten dem Deut­schen Jung­volk bei, ab 14 Jah­ren folg­te die Zu­ge­hö­rig­keit zur Hit­ler-Ju­gend.

Der or­ga­ni­sa­to­ri­sche Auf­bau war streng hier­ar­chisch und re­gio­nal dif­fe­ren­ziert: Reichs­ju­gend­füh­rer, Ge­biet, Bann, Stamm, Ge­folg­schaft, Schar und Ka­me­rad­schaft. In Bie­le­feld er­folg­te die ers­te Grün­dung 1930 mit 37 Mit­glie­dern. 1936 be­rich­te­te die West­fä­li­sche Zei­tung von fünf HJ-Hei­men in Bie­le­feld, de­ren Ka­pa­zi­tät zu ge­ring sei. 1941 sind für Bie­le­feld 15.129 Mit­glie­der be­legt, die in vier Stäm­men or­ga­ni­siert wa­ren und 13 HJ-Hei­me be­sa­ßen.

Dia­na Molt B.A. (2022)

Literatur: Pos­tert, An­dré, Die Hit­ler­ju­gend, Ge­schich­te ei­ner über­for­der­ten Mas­sen­or­ga­ni­sa­ti­on, Göt­tin­gen 2021; Rath, Jo­chen, 27. Fe­bru­ar 1944: Bie­le­fel­der HJ-An­ge­hö­ri­ge wer­den in die NS­DAP über­führt in: His­to­ri­scher Rückklick Bie­le­feld, Bie­le­feld 2019. URL; Stadt­ar­chiv Bie­le­feld, Be­stand 108,2/​Ma­gis­trats­bau­amt, Nr. 69. West­fä­li­sche Zei­tung vom 29. Fe­bru­ar 1936. URL.

Holocaust

Der Be­griff Ho­lo­caust be­zeich­net die sys­te­ma­ti­sche Er­mor­dung und Ver­nich­tung von sechs Mil­lio­nen eu­ro­päi­schen Jüd*in­nen so­wie wei­te­rer Op­fer wäh­rend des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Dazu zähl­ten Sin­ti und Roma, Op­po­si­tio­nel­le, Ho­mo­se­xu­el­le, Men­schen mit Be­hin­de­rung und An­ge­hö­ri­ge ver­schie­de­ner Glau­bens­rich­tun­gen.

Ur­sprüng­lich stammt der Be­griff aus dem Grie­chi­schen (= „voll­stän­dig ver­brannt“) und be­zeich­ne­te Brand­op­fer. In den 1940er-Jah­ren ver­wen­de­ten bri­ti­sche Au­to­ren den Be­griff erst­mals für die Mor­de an Ju­den, ab den spä­ten 1950er-Jah­ren setz­te er sich in den USA durch. Ab 1979 wird der Be­griff in Deutsch­land be­kannt, ins­be­son­de­re nach der Aus­strah­lung der TV-Se­rie „Ho­lo­caust – Die Ge­schich­te der Fa­mi­lie Weiß“.

Der in­ter­na­tio­na­le Ho­lo­caust-Ge­denk­tag wird heu­te am 27. Ja­nu­ar jähr­lich an­läss­lich der Be­frei­ung des Kon­zen­tra­ti­ons- und Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz be­gan­gen.

Jo­han­nes Helf­mann (2021)

Literatur: Fried­län­der, Saul, Den Ho­lo­caust be­schrei­ben. Auf dem Weg zu ei­ner in­te­grier­ten Ge­schich­te, Göt­tin­gen 2013; Lon­ge­rich, Pe­ter, Die Er­mor­dung der eu­ro­päi­schen Ju­den. Eine um­fas­sen­de Do­ku­men­ta­ti­on des Ho­lo­caust 1941 – 1945, Mün­chen 1989: Momm­sen, Hans, Das NS-Re­gime und die Aus­lö­schung des Ju­den­tums in Eu­ro­pa, Göt­tin­gen 2014; Smil­de, Koen (o.D.), Was ist Ho­lo­caust? URL; Bran­den­bur­gi­sche Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung (2021), Ho­lo­caust/ Shoah. URL; Was soll über den Ho­lo­caust un­ter­rich­tet wer­den? URL; Yad Vas­hem (o.D.), Was war der Ho­lo­caust? URL; Mr. Wis­sen2Go (2018), Ho­lo­caust: Der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Völ­ker­mord. URL.

„Judenhaus“ – „Judenhäuser“

„Ju­den­häu­ser“ ent­stan­den im Ge­fol­ge des „Ge­set­zes über die Miet­ver­hält­nis­se mit Ju­den“ vom 30. April 1939, das eine „Ghet­toi­sie­rung ohne Ghet­to“ (Buch­holz, 1987) her­bei­führ­te.

Die „Ent­ju­dung“ in Ver­ei­nen, Ver­wal­tung und Wirt­schaft wur­de auf den Wohn­raum aus­ge­dehnt, als per Ge­setz der Mie­ter­schutz für Ju­den auf­ge­ho­ben („Lo­cke­rung“) und Kün­di­gun­gen ver­ein­facht wur­den. Für eine Miet­ver­trags­kün­di­gung reich­te eine „Be­schei­ni­gung der Ge­mein­de­be­hör­de“ über eine ge­si­cher­te „an­der­wei­ti­ge[n] Un­ter­brin­gung“ des jü­di­schen Mie­ters aus. Jü­di­sche Haus­ei­gen­tü­mer hat­ten auf be­hörd­li­che An­wei­sung Ju­den als Mie­ter auf­zu­neh­men. Mas­si­ve Über­be­le­gun­gen wa­ren häu­fi­ge und be­ab­sich­tig­te Fol­ge.

Die Fest­stel­lung frei­er Woh­nun­gen und die Zu­wei­sun­gen über­nah­men Woh­nungs­äm­ter. Die be­hörd­li­chen Ein­wei­sun­gen mach­ten aus ei­nem Haus ein „Ju­den­haus“. Eine for­ma­li­sier­te schrift­li­che „Ju­den­haus“-Er­klä­rung fand eben­so we­nig statt wie äu­ßer­li­che Kenn­zeich­nun­gen – das Wort „Ju­den­haus“ er­schien auch nicht im Ge­set­zes­text.

Dr. Jo­chen Rath (2021)

Literatur: Ad­ler, Hans Gün­ter, Der ver­wal­te­te Mensch. Stu­di­en zur De­por­ta­ti­on der Ju­den aus Deutsch­land, Tü­bin­gen 1974, S. 44-47; Buch­holz, Mar­lis, Die han­no­ver­schen Ju­den­häu­ser. Die Si­tua­ti­on der Ju­den in der Zeit der Ghet­toi­sie­rung und Ver­fol­gung 1941 bis 1945 (Quel­len und Dar­stel­lun­gen zur Ge­schich­te Nie­der­sach­sens, Bd. 101), Hil­des­heim 1987; Ge­setz über die Miet­ver­hält­nis­se mit Ju­den v. 30. April 1939 (Reichs­ge­setz­blatt, Teil I, S. 864 f.). URL; Kwiet, Kon­rad, Nach dem Po­grom: Stu­fen der Aus­gren­zung, in: Benz, Wolf­gang (Hrsg.), Die Ju­den in Deutsch­land 1933-1945, Mün­chen 1988, S. 545-659, hier S. 631-663; Schnei­der, Hu­bert, Die Entjudung des Wohn­raums – Judenhäuser in Bo­chum. Die Ge­schich­te der Ge­bäu­de und ih­rer Be­woh­ner (Schrif­ten des Bo­chu­mer Zen­trums für Stadt­ge­schich­te, Nr. 4), Ber­lin 2010, S. 439-441.

NS-Regime

Ab­kür­zung für Re­gime oder Herr­schaft der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Da­mit wird der fa­schis­tisch-zen­tra­lis­ti­sche und dik­ta­to­ri­sche Staat der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten von 1933 bis 1945 be­zeich­net. Kenn­zeich­nend wa­ren ein au­to­ri­tä­res Füh­rer­prin­zip, eine völ­ki­sche Ge­sell­schafts­bild, ein ra­di­ka­ler An­ti­se­mi­tis­mus, die Aus­schal­tung und Ver­fol­gung der po­li­ti­schen Op­po­si­ti­on, das Ne­ben­ein­an­der von Par­tei und Staat so­wie die staat­lich ge­lenk­te Ver­nich­tung von Mil­lio­nen Men­schen. Dazu bau­te das NS-Re­gime ein Sys­tem von Kon­zen­tra­ti­ons- und Ver­nich­tungs­la­gern auf.

Mit dem Ter­ror des Staats, des Mi­li­tärs und ei­ge­nen po­li­ti­schen Or­ga­ni­sa­tio­nen – SA, SS, Ge­sta­po u.a. – wur­de der Staat or­ga­ni­siert so­wie der Ho­lo­caust und der Völ­ker­mord durch­ge­führt. Da­bei stüt­zen sich die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten auch auf die gleich­ge­schal­te­te Ver­wal­tung von Reichs- bis Kom­mu­nal­ebe­ne so­wie auf zahl­rei­che Un­ter­stüt­zer*in­nen der brei­ten Be­völ­ke­rung.

Jan-Wil­lem Wa­ter­böhr (2021)

Literatur: Benz, Wolfang, Ge­schich­te des Drit­ten Reichs, Mün­chen 2019 (2. Auf­la­ge); Nol­zen, Ar­min, Der „Füh­rer“ und sei­ne Par­tei, in: Süß, Diet­mar / Süß, Win­fried (Hrsg.), Das „Drit­te Reich“. Eine Ein­füh­rung, Mün­chen 2008, S. 55-76; Tha­mer, Hans-Ul­rich, Ver­füh­rung und Ge­walt. Deutsch­land 1933-1945 (Die Deut­schen und Ihre Na­ti­on, Bd. 5), Ber­lin 1986 (2. Auf­la­ge); Schu­bert, Klaus / Klein, Mar­ti­na, Na­tio­nal­so­zia­lis­mus (2020). URL

Nürnberger Gesetze

Mit Er­lass der Nürn­ber­ger Ge­set­ze am 15. Sep­tem­ber 1935 auf dem Reichs­par­tei­tag der NS­DAP wur­de der Ver­such un­ter­nom­men, die Ver­fol­gung und Dis­kri­mi­nie­rung der jü­di­schen Mit­be­völ­ke­rung auf eine recht­li­che Grund­la­ge zu stel­len. Das aus drei Ein­zel­ge­set­zen be­ste­hen­de Pa­ket er­klär­te die Jü­din­nen und Ju­den ju­ris­tisch zu Per­so­nen zwei­ter Klas­se und ent­zog ih­nen jeg­li­che po­li­ti­schen Rech­te. Im „Ge­setz zum Schut­ze des deut­schen Blu­tes und der deut­schen Ehre“ wur­de dar­über hin­aus u.a. die Ehe mit als „arisch“ klas­si­fi­zier­ten Bür­gern ver­bo­ten.

Da die be­reits zu­vor lang dis­ku­tier­te (und bis Kriegs­en­de wi­der­sprüch­li­che) De­fi­ni­ti­on ei­ner „rei­nen Ras­se“ auch in den Ge­set­zen nicht end­gül­tig fest­ge­legt wer­den konn­te, wur­den in den Fol­ge­jah­ren wei­te­re ent­spre­chen­de Ver­ord­nun­gen er­las­sen. Die Nürn­ber­ger Ge­set­ze kön­nen so­mit als recht­li­cher Aus­gangs­punkt für die sys­te­ma­ti­sche Ver­nich­tung jü­di­schen Le­bens ge­se­hen wer­den.

Hel­mut Hen­schel (2021)

Literatur: Ess­ner, Cor­ne­lia, Die "Nürn­ber­ger Ge­set­ze" oder die Ver­wal­tung des Ras­sen­wahns 1933-1945, Pa­der­born 2002.

Pogrom

Ein Po­grom ist eine ge­walt­sa­me Aus­schrei­tung ge­gen Mit­glie­der ei­ner re­li­giö­sen, eth­ni­schen oder an­de­ren Min­der­heit („eth­ni­sche Säu­be­rung“). Das schwers­te Po­grom wäh­rend der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus fand vom 9. zum 10. No­vem­ber 1938 statt. 1938 or­ga­ni­sier­ten die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten Po­gro­me in ganz Deutsch­land: Die No­vem­ber­po­gro­me oder die so­ge­nann­te „Kris­tall­nacht“. Seit Ende der 1980er-Jah­ren hat sich in der his­to­ri­schen For­schung der Be­griff „Reichs­po­grom­nacht“ bzw. „No­vem­ber­po­grom“ her­aus­ge­bil­det, der die Er­eig­nis­se tref­fen­der be­zeich­net.

Der Be­griff stammt aus dem Rus­si­schen, be­deu­tet über­setzt: „Ver­wüs­tung“, „Un­wet­ter“ und war im Deut­schen Reich seit 1900 öf­fent­lich ver­wen­det. Po­grom steht für den An­ti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land und den Wan­del hin zu ei­ner Ent­wick­lung, die in ei­ner „End­lö­sung der Ju­den­fra­ge“ im Sin­ne der Er­mor­dung der eu­ro­päi­schen Ju­den im deut­schen Macht­be­reich mün­de­te.

Jo­han­nes Helf­mann (2021)

Literatur: Ar­beits­stel­le Ho­lo­caust­li­te­ra­tur (2011),Buch­vor­stel­lung von Prof. Dr. Alan E. Stein­weis: “Kris­tall­nacht 1938. Ein deut­scher Po­grom“. URL; Das Gupta, Oliver (2011), „Der Po­grom ver­schaff­te der SS be­trächt­lich Macht“. URL; Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung BW (2021), Reichs­po­grom­nacht – 9. No­vem­ber 1938. URL; MDR Zeit­rei­se (2020), Die Reichs­po­grom­nacht. URL;  Rath, Jo­chen (2008), 9. No­vem­ber 1938: Die Po­grom­nacht in Bie­le­feld. URL. Schu­ma­cher, Vi­vi­en­ne (2021), An­ge­ord­ne­ter Ter­ror in der Reichs­po­grom­nacht. URL; United Sta­tes Ho­lo­caust Me­mo­ri­al Mu­se­um (2021), Po­grom­nacht (auch: Kris­tall­nacht). URL; Wort­be­deu­tung.info (o.D. 2021), Po­grom. URL.

Reichstagsbrand

Am 30. Ja­nu­ar 1933 wur­de Hit­ler zum Reichs­kanz­ler be­ru­fen, erst­mals war die NS­DAP in ei­ner Re­gie­rungs­ko­ali­ti­on ver­tre­ten. Die Ge­set­ze der Wei­ma­rer Re­pu­blik wa­ren noch in Kraft, Deutsch­land war noch kei­ne Dik­ta­tur.

In der Nacht des 27. Fe­bru­ar brann­te das Reichs­ge­bäu­de in Ber­lin völ­lig aus. Für die Brand­stif­tung wur­de der nie­der­län­di­sche Kom­mu­nist van der Lub­be ver­ant­wort­lich ge­macht. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten nut­zen die­sen „bol­sche­wis­ti­schen Ter­ror­akt“, um ihre Macht zu fes­ti­gen und um ent­schei­den­de Schrit­te zur Er­rich­tung der Dik­ta­tur ein­zu­lei­ten. Ei­nen Tag spä­ter un­ter­zeich­ne­te Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg die „Ver­ord­nung zum Schutz von Volk und Staat“ (Reichs­tags­brand­ver­ord­nung). Da­mit wur­den die Grund­rech­te der Wei­ma­rer Ver­fas­sung au­ßer Kraft ge­setzt und der Weg frei ge­macht für die Ver­fol­gung der po­li­ti­schen Geg­ner. Po­li­zei und SA nah­men meh­re­re Tau­sen­de fest, mehr­heit­lich Kom­mu­nis­ten, dar­un­ter vie­le Ab­ge­ord­ne­te.

Lutz Ha­ve­mann (2024)

Literatur: Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung: „Reichs­tags­brand – auf den Weg in die Dik­ta­tur“. URL; Deutsch­land 1933: Von der De­mo­kra­tie zur Dik­ta­tur: Anne Frank Hou­se. URL; Kel­ler­hoff, Sven Fe­lix, Reichs­tags­brand vom 27. Fe­bru­ar 1933: Kon­rad-Ade­nau­er-Stif­tung e.V. URL; Kom­pakt er­klärt: Reichs­tags­brand: Bran­den­bur­gi­sche Lan­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung. URL; Reichs­tags­brand: Ar­chiv der Aka­de­mie der Küns­te (Heart­field On­line). URL; Reichs­tags­brand: Fa­mi­lie Chot­zen - Le­bens­we­ge ei­ner jü­di­schen Fa­mi­lie von 1914 bis heu­te. URL; Reichs­tags­brand (08.03.2024): Wi­ki­pe­dia.org. URL; Reichs­tags­brand: Zeit­klicks.de. URL; Scri­ba, Ar­nulf (2015): Eta­blie­rung der NS-Herr­schaft: Lemo - Le­ben­di­ges Mu­se­um on­line. URL; Scri­ba Ar­nulf (2015): Der Reichs­tags­brand: Lemo - Le­ben­di­ges Mu­se­um on­line. URL; Souk­up, Uwe (26.02.2023): Und wenn es doch die Na­zis wa­ren?: T-on­line.de Reichs­tags­brand 1933. URL; Ver­ord­nung des Reichs­prä­si­den­ten zum Schutz von Volk und Staat ["Reichs­tags­brand­ver­ord­nung"], 28. Fe­bru­ar 1933: 100(0) Schlüs­sel­do­ku­men­te zur Deut­schen Ge­schich­te im 20. Jahr­hun­dert. URL.

Rundfunkverbrechen / Hören von „Feindsendern“

Das Ra­dio wur­de ab 1933 zum wich­tigs­ten Pro­pa­gan­da­in­stru­ment der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten. Um zu er­fah­ren, was die Pro­pa­gan­da ver­schwieg, gab es nur die Mög­lich­keit „Feind­sen­der“ wie BBC und Ra­dio Mos­kau zu hö­ren. Die­se „Rund­funk­ver­bre­chen“ wur­den ab Kriegs­be­ginn mit der „Ver­ord­nung über au­ßer­or­dent­li­che Rund­funk­maß­nah­men“ un­ter Stra­fe ge­stellt.

Mit der fort­schrei­ten­den Dau­er des Krie­ges glaub­ten im­mer we­ni­ger „Volks­ge­nos­sen“ den Durch­hal­te­pa­ro­len des „Groß­deut­schen Rund­funks“. Ab 1944 sol­len täg­lich bis zu fünf­zehn Mil­lio­nen heim­lich BBC ge­hört ha­ben. Nur we­ni­ge wur­den an­ge­zeigt, ka­men mit ei­ner Ver­war­nung da­von oder wur­den nach mehr­tä­ti­ger Ge­stap­o­haft ent­las­sen.

Da­ge­gen ver­ur­tei­len NS-Ge­rich­te Wi­der­stands­kämp­fer*in­nen zu ho­hen Zucht­haus­stra­fen oder so­gar zum Tode. Die­se Ur­tei­le wur­den mit „Rund­funk­ver­bre­chen“ in Ver­bin­dung mit „Hoch­ver­rat“ be­grün­det. Die Be­schul­dig­ten hat­ten aus­län­di­sche Sen­der ab­ge­hört und die Be­völ­ke­rung mit Hil­fe von Wand­pa­ro­len und Flug­blät­tern über die tat­säch­li­che mi­li­tä­ri­sche Lage in­for­miert.

Lutz Ha­ve­mann (2023)

Literatur: Feind­sen­der: Wi­ki­pe­dia (30. April 2022). URL; Gru­ber, Ge­org (2006), Le­bens­ge­fahr am Ra­dio: Deutsch­land­funk. URL; Hens­le, Mi­cha­el P.: Rund­funk­ver­bre­chen. Das Hö­ren von „Feind­sen­dern“ im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Me­tro­pol, Ber­lin 2003, zi­tiert nach West­deut­scher Rund­funk (2016), 17. Sep­tem­ber 1941- To­des­ur­tei­le für das Hö­ren aus­län­di­scher Rund­funk­sen­der. URL; Horst. Uwe (2007), Na­tio­nal­so­zia­lis­mus in Bie­le­feld. Macht­si­che­rung – Ver­fol­gung – Wi­der­stand: Stol­per­stein-In­itia­ti­ve Bie­le­feld e.V. URL; Knie­rie­men, Max (2023), 90 Jah­re Volks­emp­fän­ger: Mehr als ein Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat“: SWR-Kul­tur. URL; Mi­nis­ter­rat für die Reichs­ver­tei­di­gung „Ver­ord­nung über au­ßer­or­dent­li­che Rund­funk­maß­nah­men” vom 1. Sep­tem­ber 1939 (2008): Deut­sche Ge­schich­te in Do­ku­men­ten und Bil­dern. URL; Reichs­mi­nis­te­ri­um des In­ne­ren, Reichs­ge­setz­blatt, 7. Sep­tem­ber 1939, Nr. 169. URL; Sar­ko­wicz, Hans (2016), Al­li­ier­te Ra­dio­pro­pa­gan­da. Hit­lers Alp­traum aus dem Äther“: DER SPIE­GEL. URL; Ver­ord­nung über au­ßer­or­dent­li­che Rund­funk­maß­nah­men: Wi­ki­pe­dia (Stand 23. Juni 2023). URL

Schutzhaft

Mit der „Ver­ord­nung zum Schutz von Volk und Staat“ vom 28. Fe­bru­ar 1933 wur­de di­rekt nach dem Reichs­tags­brand das Re­pres­si­ons­in­stru­ment der so ge­nann­ten „Schutz­haft“ ein­ge­rich­tet. Da­mit war die ge­setz­li­che Grund­la­ge ge­ge­ben, Geg­ner des NS-Re­gimes ohne rich­ter­li­che Kon­trol­le und Ver­ur­tei­lung zu ver­haf­ten und auf un­be­stimm­te Zeit zu in­haf­tie­ren. Ers­te Op­fer der "Schutz­haft" wa­ren vor al­lem Funk­tio­nä­re der Ar­bei­ter­be­we­gung (Ge­werk­schaf­ten, SPD, KPD).

Häu­fig dien­te sie der zu­stän­di­gen Ge­sta­po zur Kor­rek­tur ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen. Etwa nach ei­nem Frei­spruch, der Ent­las­sung aus der Un­ter­su­chungs­haft oder im An­schluss an die Ver­bü­ßung ei­ner Frei­heits­stra­fe wur­de die Be­schul­dig­te / der Be­schul­di­ge ohne Ge­richts­ur­teil so­fort wie­der ver­haf­tet und in­haf­tiert.

Lutz Ha­ve­mann (2023)

Literatur: Die »Schutz­haft«: „Lemo“ = Le­ben­di­ges Mu­se­um on­line. URL; Die Ver­bre­chen des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Staa­tes: Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung. URL; El­ser, Ge­org Jo­hann: Glos­sar, Bay­ri­scher Rund­funk. URL; Schutz­häft­ling, Schutz­haft: Bay­ri­scher Rund­funk, Glos­sar. URL; Schutz­haft: Glos­sar des Frau­en-KZ Ra­ven Ra­vens­brück, Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung. URL; Schutz­haft: Wi­ki­pe­dia.org. URL (letz­te Be­ar­bei­tung: 30. Mai 2023).

Shoa (Schoah, Schoa)

Die jü­di­sche Welt ver­wen­det zur Be­schrei­bung der Ver­nich­tung von sechs Mil­lio­nen Jüd*in­nen im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus den Be­griff Shoa. Das he­bräi­sche Wort Shoah, des­sen Über­set­zung „gro­ßes Un­heil, Ka­ta­stro­phe und Ver­nich­tung“ lau­tet, be­zeich­net tref­fen­der die Er­mor­dung der Jüd*in­nen.

„Ho­lo­caust“ wird manch­mal auch die Er­mor­dung an­de­rer im Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ver­folg­ter Grup­pen wie der Sin­ti und Roma mit­be­zeich­net. Der Be­griff Shoa im he­bräi­schen Sprach­raum da­ge­gen be­zieht sich nur auf den Völ­ker­mord an den Jüd*in­nen. „Shoa“ und „Ho­lo­caust“ wer­den im an­gel­säch­si­schen Raum hin­ge­gen über­wie­gend syn­onym ver­wen­det. „Shoa“ kommt auch in der Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung Is­ra­els von 1948 vor. „Yom HaS­hoah“ ist der na­tio­na­le is­rae­li­sche Ge­denk­tag.

In West­eu­ro­pa wur­de der Be­griff Shoa be­son­ders durch den gleich­na­mi­gen Do­ku­men­tar­film von Clau­de Lanz­mann aus dem Jah­re 1985 be­kannt.

Jo­han­nes Helf­mann (2021)

Literatur: Be­cker, Va­nes­sa (2008), Got­tes­fins­ter­nis – Der in­ner­jü­di­sche Dis­kurs um die Shoa. URL; Bot­schaft des Staa­tes Is­ra­el in Ber­lin (o.D.), Ho­lo­caust-Ge­denk­tag – Is­rae­li Mis­si­ons Around the World. URL; FAZ (08.04.2021), Is­ra­el er­in­nert an die Op­fer der Schoa. URL; Le­xi­kon, Yad Vas­hem Ar­chiv (o.D.), Shoah. URL; Me­di­en­werk­statt-Wis­sen (o.D.), Ho­lo­caust und Shoa. URL; Reich­art, Jo­han­nes / Ab­del Aziz, Na­bi­la (2021), Yom haS­hoa – wie Ju­den an den Ho­lo­caust er­in­nern. URL; Volk­mann, Eve­li­na (2000), Shoa, in: Auf­farth, C. / Ber­nard, J. / Mohr, H. / Im­hof, A. / Kur­re, S. (Hrsg.), Metz­ler Le­xi­kon Re­li­gi­on, Stutt­gart, S. 302-305. URL.

Wannseekonferenz

Am 20. Ja­nu­ar 1942 fand in der Ber­li­ner Vil­la Am Gro­ßen Wann­see 56-58 die vom Lei­ter des Reichs­si­cher­heits­haupt­am­tes (RSHA) Rein­hard Heyd­rich in­iti­ier­te „Wann­see­kon­fe­renz“ statt. Heyd­rich war von der NS-Füh­rung mit der »End­lö­sung der Ju­den­fra­ge« be­auf­tragt wor­den. The­ma der Kon­fe­renz war die Ko­or­di­nie­rung der Zu­sam­men­ar­beit al­ler an der „End­lö­sung“ be­tei­lig­ten Dienst­stel­len. An­we­send wa­ren 13 Staats­se­kre­tä­re ver­schie­de­ner Mi­nis­te­ri­en so­wie hohe Par­tei- und SS-Funk­tio­nä­re.

Zie­le und Er­geb­nis­se der Be­spre­chung wa­ren die Pla­nun­gen zur Er­mor­dung der eu­ro­päi­schen Ju­den un­ter aus­drück­li­cher Fe­der­füh­rung Hein­rich Himm­lers, des „Reichs­füh­rer SS“, und Rein­hard Heyd­richs. Ein vor­ran­gi­ges Ziel der Zu­sam­men­kunft war die Ein­bin­dung der ver­tre­te­nen In­sti­tu­tio­nen und Mi­nis­te­ri­en in die Pla­nung und tech­nisch-or­ga­ni­sa­to­ri­sche Um­set­zung des sys­te­ma­ti­schen Völ­ker­mords.

Lutz Ha­ve­mann (2021)

Literatur: Bun­des­zen­tra­le für po­li­ti­sche Bil­dung (2017), Vor 75 Jah­ren: Die Wann­see­kon­fe­renz“. URL; Meinl, Su­san­ne / Zwil­ling, Jut­ta, Le­ga­li­sier­ter Raub – Der Fis­kus und die Aus­plün­de­rung der Ju­den in Hes­sen 1933-1945, Frank­furt am Main 2004. URL.

Wiedergutmachung

Die „Wie­der­gut­ma­chung“ um­fasst im We­sent­li­chen die:

  • Rückerstattung von Vermögenswerten und Entschädigung für untergegangene Vermögenswerte,
  • Entschädigung für Eingriffe in Lebenschancen, für den Verlust an Freiheit, Gesundheit, beruflichem Fortkommen etc.,
  • Sonderregelungen (primär öffentlicher Dienst, Sozialversicherung),
  • Beseitigung von Unrechtsurteilen (Strafjustiz), unrechtmäßiger Ausbürgerung etc., sowie
  • zwischenstaatliche Reparationsvereinbarungen („Luxemburger Abkommen“ mit Israel 1952).

Die ab­wei­chen­den „Wie­der­gut­ma­chungs-“Re­ge­lun­gen der Be­sat­zungs­zo­nen (1947/​49) da­tier­ten z.B. den po­li­ti­schen Druck bei Ver­kaufs­ver­hand­lun­gen un­ter­schied­lich: 1935 mit dem Er­lass der „Nürn­ber­ger Ge­set­ze“ (Ame­ri­ka­ner und Bri­ten) oder erst 1938 nach der Po­grom­nacht (Fran­zo­sen). Spä­ter ent­schie­den die Wie­der­gut­ma­chungs­kam­mern der Land­ge­rich­te und die Be­zirks­re­gie­run­gen auf Ba­sis des Bun­des­ent­schä­di­gungs­ge­set­zes (1956) und des Bun­des­rück­erstat­tungs­ge­set­zes (1957). Erst 2000 wur­den An­sprü­che von Zwangs­ar­bei­ten­den ge­re­gelt.

Eine „Wie­der­gut­ma­chung“ für NS-Un­recht und -Ver­bre­chen ist im ei­gent­li­chen Sinn un­mög­lich.

Dr. Jo­chen Rath (2021)

Literatur: Bro­des­ser, Her­mann-Jo­sef/​Bernd Jo­sef Fehn/​Tilo Fra­nosch/​Wil­fried Wirth, Wie­der­gut­ma­chung und Kriegs­fol­gen­li­qui­da­ti­on. Ge­schich­te – Re­ge­lun­gen – Zah­lun­gen, Mün­chen 2000; Brun­ner, José/​Con­stan­tin Gosch­ler/​Nor­bert Frei, Die Glo­ba­li­sie­rung der Wie­der­gut­ma­chung, in: Aus Po­li­tik und Zeit­ge­schich­te 63, Heft 25-26 (2013), S. 23-30. URL; Di­ner, Dan/​Gott­hart Wun­berg, Re­sti­tu­ti­on and Me­mo­ry. Ma­te­ri­al Resto­ra­ti­on in Eu­ro­pe, New York / Ox­ford 2007; Gosch­ler, Con­stan­tin, Schuld und Schul­den. Die Po­li­tik der Wie­der­gut­ma­chung für NS-Ver­folg­te seit 1945, Göt­tin­gen 2005; Gosch­ler, Con­stan­tin, Wie­der­gut­ma­chung. West­deutsch­land und die Ver­folg­ten des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus 1945–1954, Mün­chen 1992; Ho­ckerts, Hans Gün­ter/ Moi­sel, Clau­dia / Win­s­tel, To­bi­as, Gren­zen der Wie­der­gut­ma­chung. Die Ent­schä­di­gung für NS-Ver­folg­te in West- und Ost­eu­ro­pa 1945-2000, Göt­tin­gen 2006; Ho­ckerts, Hans Gün­ter, Nach der Ver­fol­gung. Wie­der­gut­ma­chung in Deutsch­land: Eine his­to­ri­sche Bi­lanz 1945–2000, in: Jahr­buch des His­to­ri­schen Kol­legs 2000, S. 85-122. URL; Ho­ckerts, Hans Gün­ter, Wie­der­gut­ma­chung in Deutsch­land. Ein Über­blick, in: Aus Po­li­tik und Zeit­ge­schich­te 63, Heft 25-26 (2013), S. 15-22. URL; Ho­ckerts, Hans Gün­ter, Wie­der­gut­ma­chung in Deutsch­land. Eine his­to­ri­sche Bi­lanz, in: Vier­tel­jahrs­hef­te für Zeit­ge­schich­te 49 (2001), S. 167-214. URL; Ir­mer, Tho­mas, Wie­der­gut­ma­chung, in: Benz, Wolf­gang (Hrsg.), Hand­buch des An­ti­se­mi­tis­mus, Bd. 4: Er­eig­nis­se, De­kre­te, Kon­tro­ver­sen, Ber­lin/​Bos­ton 2011, S. 435-438; Kul­ler, Chris­tia­ne/ Dre­coll, Axel / Win­s­tel, To­bi­as (Hrsg.), Raub und Wie­der­gut­ma­chung (zei­ten­bli­cke 3/​2 (2004)). URL; Lill­tei­cher, Jür­gen, Raub, Recht und Re­sti­tu­ti­on. Die Rück­erstat­tung jü­di­schen Ei­gen­tums in der frü­hen Bun­des­re­pu­blik. Göt­tin­gen 2007; Schwarz, Wal­ter (Hrsg.), Die Wie­der­gut­ma­chung na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­rechts durch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Mün­chen 1974-1986; Thon­ke, Chris­ti­an, Hit­lers lan­ger Schat­ten. Der mü­he­vol­le Weg zur Ent­schä­di­gung der NS-Op­fer, Wien 2004; Win­s­tel, To­bi­as, Ver­han­del­te Ge­rech­tig­keit. Rück­erstat­tung und Ent­schä­di­gung für jü­di­sche NS-Op­fer in Bay­ern und West­deutsch­land, Mün­chen 2006.

Zwangsarbeit (nationalsozialistische Zwangsarbeit)

Ar­beit, die mit nicht-wirt­schaft­li­chem Zwang und un­ter An­dro­hung von Stra­fe ver­langt wird.

Über 12 Mil­lio­nen Men­schen leis­te­ten im Ver­lauf des Zwei­ten Welt­kriegs in Deutsch­land Zwangs­ar­beit. Al­lein im Som­mer 1944 ar­bei­te­ten ne­ben sechs Mil­lio­nen zi­vi­len Ar­beits­kräf­ten auch zwei Mil­lio­nen Kriegs­ge­fan­ge­ne und über eine hal­be Mil­li­on KZ-Häft­lin­ge im Deut­schen Reich. Auch in den be­setz­ten Ge­bie­ten wur­den Mil­lio­nen Män­ner, Frau­en und Kin­der zur Ar­beit für den Feind ge­zwun­gen.

Nur die Zwangs­ar­bei­te­rin­nen und Zwangs­ar­bei­ter hiel­ten land­wirt­schaft­li­che Ver­sor­gung und Rüs­tungs­pro­duk­ti­on auf­recht. Die In­dus­trie pro­fi­tier­te von der Aus­wei­tung der Pro­duk­ti­on, deut­sche Be­schäf­tig­te stie­gen in Vor­ar­bei­ter-Stel­len auf.

Wich­ti­ge Begriffe der NS-Zwangsarbeit:

  • Zwangsarbeit (Überblick)
  • Fremdarbeiter
  • Fremdvölkische
  • Sklavenarbeiter
  • Zivilarbeiter
  • Ostarbeiter

Lurz Havemann (2021)

Literatur: Zwangs­ar­beit 1939-1945. Er­in­ne­run­gen und Ge­schich­te. URL.

Ih­nen feh­len wich­ti­ge Be­grif­fe? Neh­men Sie ger­ne mit uns Kon­takt auf und schla­gen Sie wei­te­re Gloss­ar­be­grif­fe vor oder rei­chen Sie uns Ma­nu­skrip­te im Um­fang von 120 Wör­tern zu­züg­lich Li­te­ra­tur­an­ga­ben ein.