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Opfer und Täter*innen im Onlineportal “Spurensuche Bielefeld 1933-1945”

Die Ka­te­go­ri­en für Spu­ren des On­lin­e­por­tals un­ter­schei­den u.a. zwi­schen „Op­fern“ und „Tä­tern“. Die­se ver­ein­fa­chen­de Ein­tei­lung steht seit den 1990er Jah­ren in der Kri­tik und gilt heu­te in der ak­tu­el­len For­schungs­dis­kus­si­on als ver­al­tet.

War­um das On­lin­e­por­tal den­noch die ver­meint­lich ein­fa­chen Ka­te­go­ri­en ver­wen­det, wie sie als Ka­te­go­ri­en in der „Kar­te“ zu ver­ste­hen sind, wel­chen Ein­fluss sie auf die Tex­te in den Spu­ren ha­ben und wie sie sich zur wis­sen­schaft­li­chen For­schung ver­hal­ten, soll nach­fol­gend dar­ge­stellt wer­den.

Op­fer” und Tä­ter*in­nen in der Kar­te des On­lin­e­por­tals

In der in­ter­ak­ti­ven Stadt­kar­te („Karte“) des On­lin­e­por­tals kön­nen über das Zahn­rad-Sym­bol (rechts oben) fol­gen­de Ka­te­go­ri­en auf­ge­ru­fen wer­den, die farb­lich ko­diert un­ter­schied­li­che Grup­pen von Spu­ren an­zei­gen: Op­fer – Tä­ter – Orte – Er­eig­nis­se – Wi­der­stand. Sie ent­ste­hen aus dem Kon­zept „Erinnerungskultur in Bielefeld“ und bie­ten eine ers­te Ori­en­tie­rung auf der Kar­te.

Die fünf Ka­te­go­ri­en er­fül­len im On­lin­e­por­tal zwei Auf­ga­ben:

  1. Sie fungieren zur optischen Ordnungund als Filterfür Spurenin der „Karte“. Sie bieten einen funktionalen Zugang zur besseren Übersicht und Nutzung der Inhalte in der georeferenzierten Ansicht des Onlineportals.
  2. Sie ermöglichen eine differenzierte Diskussion zu den Inhalten der Spuren: Sind die beschriebenen Personen, Orte und Ereignisse ausführender Teil der nationalsozialistischen Verfolgung („Täter“) oder Opfer ebendieser? Was ist die ‚Tat‘ und wie kam es dazu? Welche Rolle nehmen die Personen, Institutionen, Ereignisse und Orte sowie ihre situationsspezifischen Konstellationen ein? Ist diese Rolle wandelbar und unter welchen Bedingungen wurde sie eingenommen?

Op­fer und Tä­ter*in­nen im Kon­zept des On­lin­e­por­tals

Die ‚Tat‘ und die Vor­be­din­gun­gen der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung ist für die Bil­dung der Ka­te­go­ri­en ein maß­geb­li­cher Ori­en­tie­rungs­punkt: Wenn die Spu­ren bio­gra­phi­sche Ge­schich­ten der Ver­fol­gung er­zäh­len, ist die Ka­te­go­ri­sie­rung in­fol­ge der Tat nicht im­mer ein­deu­tig oder mit der Iden­ti­tät ei­ner Per­son gleich zu set­zen. Sie kön­nen in un­ter­schied­li­chen Si­tua­tio­nen und Kon­stel­la­tio­nen ver­schie­de­ne Rol­len an­neh­men und auch wie­der ab­le­gen. Hand­lungs­spiel­räu­me ha­ben eben­falls eine ent­schei­den­de Be­deu­tung: Tä­ter*in­nen hat­ten häu­fig die Wahl, die Tat oder eine Hand­lung zu be­ge­hen – Op­fer hin­ge­gen nicht.

Die Ka­te­go­ri­sie­rung der Spu­ren ist da­her kei­ne zeit­ge­nös­si­sche, son­dern eine von der heu­ti­gen Au­tor*in­nen vor­ge­nom­me­ne Zu­schrei­bung, die ent­lang ak­tu­el­ler er­in­ne­rungs­kul­tu­rel­ler Be­wer­tun­gen vor­ge­nom­men wird und sich am ge­wähl­ten Nar­ra­tiv ori­en­tiert. Sie muss nicht mit zeit­ge­nös­si­schen Be­grif­fen oder Vor­stel­lun­gen über­ein­stim­men. Sie er­hebt auch kei­nen An­spruch auf uni­ver­sel­le Gül­tig­keit, son­dern ist Aus­druck des ak­tu­el­len Dis­kur­ses. Eine mög­li­che Ver­en­gung der Dis­kur­se oder der dif­fe­ren­zier­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit den his­to­ri­schen In­hal­ten, ist im On­lin­e­por­tal ex­pli­zit nicht be­ab­sich­tigt.

Ei­ner Spur kön­nen meh­re­re Ka­te­go­ri­en zu­ge­ord­net wer­den. Die Ka­te­go­ri­sie­rung nach „Op­fern“ oder „Tä­tern“ ist da­her nicht im­mer ein­deu­tig oder ab­schlie­ßend. Sie bil­det ei­nen spe­zi­fi­schen und sich dy­na­misch ent­wi­ckeln­den Dis­kurs ab, die auch nicht den An­spruch er­hebt, den voll­stän­di­gen Wis­sen­stand ab­zu­bil­den. Die je­wei­li­gen Ka­te­go­ri­en für eine Spur wer­den von den Au­tor*in­nen und Re­dak­teur*in­nen im Re­dak­ti­ons­pro­zess dis­ku­tiert und fest­ge­legt.

Die ak­tu­el­len, fünf Ka­te­go­ri­en sind in der Ope­ra­ti­ven Re­dak­ti­on („OpeR“) des On­lin­e­por­tals dis­ku­tiert und be­schlos­sen wor­den. Im lau­fen­den Be­trieb des On­lin­e­por­tals kön­nen sie an­hand der Rück­mel­dung der Be­nut­zer*in­nen an­ge­passt, ver­än­dert oder er­wei­tert wer­den.

"Op­fer und Tä­ter*in­nen" als Dua­lis­mus in der Ge­schichts­for­schung

Der Dis­kurs zu Op­fern und Tä­ter*in­nen nach 1945 war zu­nächst über­wie­gend auf ju­ris­ti­sche Fra­gen be­schränkt. An­stoß ga­ben vor­nehm­lich, aber nicht aus­schließ­lich die al­li­ier­ten Sie­ger­mäch­te – auch in Form der Nürn­ber­ger Pro­zes­se. Fast 80 Jah­re nach Ende des Zwei­ten Welt­kriegs und der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ter­ror­herr­schaft zeich­net sich ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild. Es wur­den und wer­den nicht nur un­ter­schied­li­che Wer­tun­gen ge­fällt, sie folg­ten und fol­gen auch un­ter­schied­li­chen Be­wer­tungs­maß­stä­ben. Dazu ge­hö­ren auch sich ver­än­dern­de Blick­win­kel aus po­li­ti­schen, re­li­giö­sen, kul­tu­rel­len und eth­ni­schen In­ter­es­sens­la­gen. Die Ge­sell­schaf­ten wan­deln sich und ent­wi­ckeln un­ter­schied­li­che so­wie dif­fe­ren­zier­te Be­dürf­nis­se an eine Er­in­ne­rungs­kul­tur – eben auch an die Bil­der von Op­fern und Tä­ter*in­nen.

Zu un­ter­schei­den ist wei­ter­hin zwi­schen ju­ris­ti­schen und ge­schichts­wis­sen­schaft­li­chen (Wert-)Ur­tei­len. Sie un­ter­lie­gen den ver­schie­de­nen ge­sell­schaft­li­chen Per­spek­ti­ven wie auch zeit­lich un­ter­schied­li­chen Wer­tun­gen der Öffent­lich­keit. Dar­in zeigt sich nicht zwin­gend Be­lie­big­keit, son­dern eine sich ent­wi­ckeln­de der Auf­ar­bei­tung und Be­wer­tung der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus nach 1945 bis heu­te.

Die Ge­schichts­wis­sen­schaft­li­che Un­ter­schei­dung von „Tä­ter*in­nen“, „Op­fern“ und „By­stan­dern“ (engl.: Zu­schau­er, Mit­läu­fer, Be­ob­ach­ter) nach Raul Hil­berg (1982) re­du­ziert die hohe Kom­ple­xi­tät der In­hal­te – z.B. von Bio­gra­phi­en. Sie bie­tet ei­nen ers­ten Zu­gang und for­dert eine wei­ter­ge­hen­de, in­halt­lich-kom­ple­xe Aus­ein­an­der­set­zung mit dem his­to­ri­schen Wis­sen.

Die ak­tu­el­le Ge­schichts­for­schung be­geg­net der ver­hält­nis­mä­ßig sta­ti­schen Un­ter­schei­dung zwi­schen „Op­fern“, „Tä­ter*in­nen“ und „By­stan­dern“ mit ei­ner zu­neh­men­den Dif­fe­ren­zie­rung: Vom Tä­ter-Op­fer-Dua­lis­mus zu ver­schie­de­nen Per­so­nen, Grup­pen und In­sti­tu­tio­nen in­ner­halb der Ge­sell­schaft, Or­ten und Er­eig­nis­sen zwi­schen 1933 und 1945. In den Blick ge­nom­men wer­den dar­über hin­aus Na­tio­nal­so­zia­lis­mus-spe­zi­fi­sche Ge­walt­dy­na­mi­ken und Pro­zes­se, ihre Vor­aus­set­zun­gen und Aus­wir­kun­gen so­wie die un­ter­schied­li­chen Me­cha­ni­ken und Phä­no­me­ne der Ver­fol­gung im Zen­trum (Deut­sches Reich) und der Pe­ri­phe­rie (be­setz­te Ge­bie­te). So wer­den die Ent­schei­dun­gen – be­son­ders der Tä­ter*in­nen – un­ter ver­schie­de­nen Be­din­gun­gen ana­ly­sier­bar so­wie All­tagsphä­no­me­ne der Ver­fol­gung greif­bar. Sie wa­ren nicht nur staat­lich-ad­mi­nis­tra­tiv, son­dern auch Fol­ge von so­zia­len Nor­men im All­tag: Der Ver­lust des so­zia­len Sta­tus der Op­fer­grup­pen in der „Volks­ge­mein­schaft“ wird als so­zia­ler Pro­zess ver­stan­den und er­wei­tert den Blick auf die ju­ris­ti­sche „Tä­ter­schaft“.

Fa­zit

Der im On­lin­e­por­tal wie­der auf­ge­grif­fe­ne Dua­lis­mus von „Tä­ter*in­nen“ und „Op­fern“ soll und darf die aka­de­mi­sche Dis­kus­si­on nicht un­ter­bre­chen. Im Ge­gen­teil: Der ein­fa­che Erst­zu­gang über „Tä­ter*in­nen“ und „Op­fer“ schafft auch für wei­te­re Dis­kurs­teil­neh­mer*in­nen die Mög­lich­keit zur Re­fle­xi­on von:

  • Voraussetzungen und Effekten der nationalsozialistischen Verfolgung,
  • spezifischen Erfahrungen aller Zeitgenossen,
  • spezifischen Kontexten des nationalsozialistischen Staats bzw. nationalsozialistischen Gesellschaft auf kommunaler oder regionaler Ebene und
  • gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen gegenüber individuellen Erfahrungen der nationalsozialistischen Verfolgung.

So wer­den fer­ner Dis­kus­si­ons­räu­me und eine ak­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ge­schich­te und der Er­in­ne­rungs­kul­tur ge­schaff­ten.

Jan-Willem Waterböhr, 05.02.2024
(Mit freund­li­cher Un­ter­stüt­zung von Prof. Dr. Christina Morina und dem Balzan Bystanding Project)

Literatur

  • Bajohr, Frank / Löw, Andrea, Beyond the ‚Bystanders‘: Social Processes and Social Dynamics in European Societies as Context fort he Holocaust, in: Bajohr, Frank / Löw, Andrea (Hrsg.), The Holocaust and European Societies. Social Processes an Social Dynamics, London 2016, S. 3-14
  • Bajohr, Frank, Täterforschung: Ertrag, Probleme und Perspektiven eines Forschungsansatzes, in: Bajohr, Frank / Löw, Andrea (Hrsg.), The Holocaust and European Societies. Social Processes an Social Dynamics, London 2016, S. 167-185
  • Bajor, Frank / Löw, Andrea, Tendenzen und Probleme der neuen Holocaust-Forschung: Eine Einführung, in: Bajor, Frank / Löw, Andrea (Hrsg.), Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung, Frankfurt a.M. 2015, S. 9-30
  • Hilberg, Raul, Die Vernichtung der Europäischen Juden. Die Gesamtgeschichte des Holocaust, Berlin 1982
  • Hilberg, Raul, Die Motive der Deutschen für die Vernichtung der Juden, in: Pehle, Walter H. / Schlott, René (Hrsg.), Anatomie des Holocaust. Essays und Erinnerung, Frankfurt a.M. 2016, S. 35-70
  • Mehler, Daniela, Srebrenica und das Problem der einen Wahrheit, in: Feindt, Gregor (Hrsg.), Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung. Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, Göttingen 2014, S. 205-234
  • Morina, Christina / Thijs, Krijn, Introduction. Probing the Limits of Categorization, in: Morina, Christina / Thijs, Krijn (Hrsg.), Probing the Limits of Categorization. The Bystander in Holocaust History, New York u.a. 2019, S. 1-12
  • Thiemeyer, Thomas, Zwischen Helden, Tätern und Opfern. Welchen Sinn deutsche, französische und englische Museen heute in den beiden Weltkriegen sehen, in: Geschichte und Gesellschaft 36 (2010), S. 462-491

Onlineressourcen

  • Gajdukowa, Katharina (2009), Opfer-Täter-Gesprächskreise nach dem Ende der DDR: Bundeszentrale für politische Bildung. URL
  • Konnte man nur Täter oder Opfer sein? Interview mit Daniel Feierstein: Bundeszentrale für Politische Bildung. URL
  • Sichtweisen auf Täter und Opfer im NS-Vernichtungskrieg (Vortrag), Dieter Pohl (Klagenfurt), Svenja Goltermann (Zürich), Wulf Kansteiner (Aarhus): Bundeszentrale für Politische Bildung. URL